… darf man das fragen? Die Black-Lives-Matter-­Bewegung hat auch in der Schweiz eine Rassismus-­Debatte ausgelöst.
Wir ­haben von drei Familien Grosseltern und ihre ­dunkelhäutigen Enkelkinder gefragt: Was erlebt ihr? Was macht euch Sorgen? Und was wünscht ihr euch? Eine Familie stellen wir Ihnen hier vor.

Von Geraldine Capaul und Tibor Nad (Fotos)

Emilio Guerini (69) kam im Alter von sechs Jahren aus Italien in die Schweiz. Damals wurde es als Tschingg betitelt. Ihn störte, dass er anders wahrgenommen wurde, als er tatsächlich war. Trotzdem hat er sich nie Sorgen um seine dunkelhäutigen Enkel Tiago (12), Leon (9) und Marietta (3) und Rassismus gemacht. Beim Gespräch sind auch Leons Eltern Sandra und Michael sowie die kleine Schwester dabei. Sandras Wurzeln liegen in Brasilien, aufgewachsen ist sie in der Schweiz. Leon geht mit seinem Grossvater gern baden und paddeln. Und er findet: «Grossvater und ich haben das gleiche Lächeln.»

Emilio, welche Reaktionen erlebst du, wenn du mit den Enkeln unterwegs bist?
Emilio: Ich höre nur positive Bemerkungen, die Leute finden die Kinder auffallend herzig. Sandra und Michael sind im gleichen Dorf aufgewachsen. Wir haben uns immer gewünscht, dass die beiden einmal zusammenkommen werden – wegen der hübschen Babys. Als wir Tiago dann zum ersten Mal gesehen haben, waren wir fast ein wenig enttäuscht, dass er so hell war (alle lachen).

Ist das nicht auch rassistisch, dieses Herzigfinden der Kleinen?
Emilio: Nein, ich finde das nur positiv.
Sandra: Ja, das sehe ich auch so.

Leon, welche Bemerkungen hörst du in deinem Alltag?
Leon: Die Mitschüler sagen mir du
Gaggi, du Neger.

Und wie reagierst du darauf?
Ich sage ihnen: Du weisse Schoggi. Weil ich weisse Schoggi gern habe. Und manchmal sag ichs danach der Lehrerin. Manche rufen auch: Geh zurück nach Afrika. Dabei komme ich doch gar nicht aus Afrika!
Michael: Im Jungwachtlager gab es auch einen Vorfall.

Was ist passiert, Leon?
Ein Junge fiel in einen Kuhfladen. Daraufhin hat er zu mir gesagt: So wie du aussiehst, bist du schon oft in einen Kuhfladen gefallen. Ich habe es dem Leiter erzählt und der hat dem Jungen gesagt, er solle so etwas nicht mehr sagen. Als ich einmal fünf Minuten zu spät kam, wurde ich grad bestraft.
Michael: Was er damit sagen will: Fürs Zuspätkommen gibt’s eine Strafe, für eine rassistische Äusserung nur ein «Sag das nicht mehr». In diesem Fall überlegen wir uns nun, mit der Lagerleitung Kontakt aufzunehmen und diesen Vorfall nochmals zu besprechen.
Emilio: Ich finde es erstaunlich, dass das im Lager nicht vertieft besprochen wurde. Rassismus ist im Moment doch besonders brisant.

Erzählt Leon euch immer, wenn er wegen seiner Hautfarbe beleidigt wird?
Sandra: Ja, immer.

Wie geht ihr damit um?
Sandra: Ich finde es jeweils sehr schwer abzuschätzen, ob wir intervenieren oder einfach ihn stärken sollen. Wir versuchen auf jeden Fall immer, genau herauszuhören, wie es ihm damit geht. Ganz grundsätzlich finde ich, Äusserlichkeiten sind in unserer Gesellschaft zu zentral – nicht nur solche, die die Hautfarbe betreffen. Es ist mir deshalb wichtig, dass wir allgemein besprechen, wie wir mit solchen Sachen umgehen, uns überlegen, wie schnell auch wir selber auf Äusserlichkeiten reagieren.

Überraschen euch Leons Erlebnisse?
Emilio: Ja, mich überrascht, dass Leon solche Bemerkungen zu hören bekommt.
Michael: Mich schockiert es und macht es traurig.
Sandra: Nein, es überrascht mich nicht, aber es macht mich auch traurig.

Stört euch die Frage: «Woher kommst du»?
Emilio: Nein, die Frage finde ich gar nicht rassistisch.
Leon: Überhaupt nicht. Ich mache mir immer einen Spass draus und frage, woher glaubst du denn, dass ich komme? Das finde ich lustig. Leider wissen mittlerweile alle in der Schule Bescheid.
Michael: In einem 10vor10-Beitrag sagte eine Rassismus-Expertin, dass man diese Frage nicht stellen darf. Ich sehe das nicht so problematisch.
Sandra: Ich weiss einfach nie genau, was die Leute wissen wollen: Wo ich wohne? Oder wo meine Wurzeln sind? Wenn die Frage nach meinen Wurzeln jemanden aufrichtig interessiert, finde ich es gut. Der Tonfall macht auch hier den Unterschied.
Michael: Am ersten Familienfest, bei dem Sandra dabei war, haben alle ganz langsam hochdeutsch mit ihr gesprochen. Und als ich sie meinem Grossvater vorgestellt habe, hat der mit glänzenden, freudigen Augen gerufen: «Ah, ein Negerli».
Sandra: Das mein ich: der Tonfall machts. Sowohl am Familienfest als auch beim Grossvater Beni habe ich mich nie negativ behandelt gefühlt. Beni hat sich von Herzen gefreut, mich kennenzulernen.
Michael: Natürlich habe ich ihm trotzdem erklärt, dass man das nicht mehr sagen darf.

Wie helfen dir deine Eltern, wenn du etwas Negatives erlebt hast, Leon?
Leon: Sie fragen mich, wie es mir damit geht. Ob sie eingreifen und die anderen Eltern darüber informieren sollen.

Und wie geht es dir damit?
Leon: Es tut mir nicht im Herzen weh, ich kann nachts schlafen und muss nicht weinen. Die anderen können denken, was sie wollen. Ich bin so, wie ich bin.
Michael: Mir tut es schon im Herzen weh.

Wie stärkt ihr eure Kinder beziehungsweise deine Enkelkinder?
Emilio: Es ist sicher besonders wichtig, ihnen Selbstvertrauen mitzugeben.
Sandra: Man kann nie Ferien machen von der Hautfarbe. Wir sind immer dunkelhäutig und dadurch in der Minderheit. Trotzdem will ich den Kindern nichts überstülpen, ihnen nicht einreden, was sie zu empfinden haben. Wir versuchen herauszuspüren, was sie brauchen und sie darin zu unterstützen.
Michael: Wir wollen, dass sie auch über die aktuelle Lage Bescheid wissen. Sandra und ich haben schon viele sehr üble Situationen erlebt, aber davon soll dieses Gespräch nicht handeln.

Macht ihr euch durch diese Erfahrungen Sorgen, wenn ihr an die Zukunft eurer Kinder denkt?
Michael: Nein. Mir ist halt oft nicht bewusst, dass sie dunkelhäutig sind, sie sind einfach meine Babys. Wir wollen sie zu starken Menschen erziehen,
die später selber abschätzen können, wie sie in einer schwierigen Situation angemessen reagieren.

Was muss sich ändern, zum Beispiel in der Schule oder im Jungwachtlager?
Sandra: Ich wünschte mir, dass die Kinder mehr sensibilisiert werden. Wie zum Beispiel im Lager, wo sie vor der Abreise «Mini Farb und Dini …» singen. Damit könnte man doch beginnen.
Michael: Ich wünschte mir, dass es an der Schule stärker thematisiert wird.
Sandra: Gerade jetzt wäre der Moment gut, um flächendeckend darüber zu reden, schliesslich geht es um Akzeptanz. Kein Kind sollte gehänselt werden. Mir ist bewusst, dass es oft eine Kettenreaktion ist bei den Kindern. Einer wird gehänselt und lässt das dann am andern aus.
Michael: Und sehr oft bekommen die Kinder das von Zuhause mit.

Kennen die Kinder Brasilien?
Michael: Wir haben schon Ferien da gemacht, auch mit Leon und Tiago.
Emilio: Wir waren auch dabei. Ich weiss noch, wie die Brasilianerinnen grosse Augen gemacht haben, als Michael
Tiago gewickelt hat.
Sandra: Kürzlich ist mir bewusst geworden, dass es noch eine Weile dauern kann, bis wir wieder nach Brasilien reisen können, und da hab ich gemerkt: Doch, es mir wichtig, dass auch Marietta das Land kennenlernt. •


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