Wohnen wie Ferien

Zum umgebauten Bauernhaus, das Maya und Paul Scheidegger mit der Familie ihres Sohnes bewohnen, gehört auch ein
Studio für Feriengäste. Zu Besuch in einer lebhaften Oase am Hallwilersee.

Von Edita Truninger (Text), Oliver Lang (Foto)

Ein Daheim für drei Generationen: Marianne und Nico Scheidegger mit ihren Kindern Thea, Piet und Levi (von links) sowie den Grosseltern Maya und Paul Scheidegger.

Saftige Wiesen und ein See mit romantischen Badeplätzchen in Gehdistanz: Das 2000-Seelen-Dorf Boniswil liegt inmitten einer beschaulichen Idylle im Aargauer Seetal. Blumenkistchen verschönern die Frontfassade der langgezogenen Liegenschaft, auf der Rückseite ist ein gepflegter Garten angelegt, davor ein Kies­platz mit Garage. Feuerschale, Kinderschaukel und Turnringe laden zum Spielen und Verweilen ein. Hier im Erdgeschoss vermieten Maya und Paul Scheidegger das BnB Studio Seetal; ein Zimmer mit zwei Betten und Küche. Die Unterkunft hat einen separaten Eingang, Feriengäste geniessen ein eigenes Rastplätzchen mit Tischchen und Bank unter dem alten Nussbaum und ein «Schärmenplätzchen» vor dem Studio. Alles ist wohlgeordnet – ein Ferientraum für Ruhesuchende. Jeden Morgen stellt die Gastgeberin frische Brötchen und Gipfeli auf das blaue Tischchen. Der Rest des Frühstücks ist nach Wunsch der Gäste im Kühlschrank bereitgestellt. In Rezensionen bekommt Maya Scheid-
egger Komplimente für ihre Liebe zum Detail. Früher kamen vermehrt Touristinnen und Touristen aus Japan und anderen asiatischen Ländern. Heute sind die Urlauber:innen weniger international, sie kommen vorwiegend aus Europa und der Schweiz, «seit Corona aus allen Landesteilen».
Der 12-jährige Levi und der 10-jährige Piet brettern mit ihren Velos auf den Kiesplatz, schnappen sich den Ball und rennen auf die Wiese zum Kicken. Die 8-jährige Thea verschwindet im Haus: Sie hat zusammen mit ihren zwei besten Freundinnen ein Bastelprojekt mit Perlen, an dem sie weitermachen möchte. Das umgebaute Bauernhaus bietet nicht nur Feriengästen ein vorübergehendes Daheim – es ist auch das Zuhause von Sohn Nico, seiner Frau Marianne sowie den Kindern Levi, Piet und Thea. Die fünfköpfige Familie bewohnt die geräumige Wohnung im Erd- und Obergeschoss eines Hausteils, während Nani und Gropi Scheidegger als Alterssitz die ehemalige Heubühne ausgebaut haben. Die zwei Hausteile sind unabhängig voneinander und bieten beiden Parteien die gewünschte Privatsphäre. «Meine Eltern haben hier einen landwirtschaftlichen Betrieb geführt – als wir das Haus übernahmen, konnten wir es nach unseren Vorstellungen umbauen», erzählt Paul Scheidegger, von den Enkeln liebevoll «Gropi» genannt. Die gepflegte Wiese und die ordentlich angelegten Gehwege tragen seine Handschrift: Den Dingen Sorge zu tragen, bedeutet ihm viel. Liegen die Velos der Kinder ständig im Kies rum oder ist das Werkzeug plötzlich verschwunden, spricht Gropi Scheidegger die Kinder darauf an. Und Nani Scheidegger ergänzt: «Probleme müssen möglichst sofort an- und besprochen werden, damit das familiäre Mikroklima nicht nachhaltig beschädigt wird.» An einem fixen Tag alle zwei Wochen übernehmen die Grosseltern die Betreuung der Enkelkinder, während die Eltern arbeiten. Dann gibt es zum Mittagessen Burger, Hörnli mit Ghackets oder Pouletflügeli, weil die Jungen das Menü bestimmen dürfen. «Auch Dessert, also allgemein Süsses, gibt es bei Nani und Gropi viel mehr», ruft Levi. «Und vor dem Schlafen bekommen wir ein Bettmümpfeli», ergänzt Thea. Doch einige Regeln sind bei den Grosseltern auch strenger: «Bei Nani und Gropi müssen wir Tischmanieren haben», sagt Levi und schnippt sich lässig ein Erdnüsschen in den Mund. Maya Scheidegger ermahnt ihn mit viel Nachsicht. «Ich verwöhne meine Enkelkinder gern – das bin einfach ich.» Marianne Scheidegger sagt: «Uns würde es nie einfallen, Maya und Paul Vorschriften in der Erziehung zu machen. Schliesslich sind wir ja auch froh, dass sie die Kinder so häufig nehmen.» Denn neben dem fixen Tag hüten die Grosseltern die Kinder auch spontan am Abend. «So können wir uns regelmässig Zeit für uns als Paar nehmen – und die Kinder akzeptieren das umstandslos, Theater gibt es da eigentlich nie», sagt die Mutter, die als Sozialpädagogin in einer Einrichtung tätig ist und auch öfter am Abend und in der Nacht arbeitet. Das Paar hat zudem einen grossen Freundeskreis. Bekannte mit Kindern im ähnlichen Alter kommen oft zu Besuch; zweijährlich laden Marianne und Nico zum grossen Sommerfest – inklusive Campieren auf der Wiese. Für die Schar Kinder ein Highlight. «Wir möchten uns durch das BnB in unserem Sozialleben nicht einschränken müssen», sagt Nico Scheidegger.
Es war dann auch so ein spontaner geselliger Abend, der zur bisher grössten Konfliktspitze führte. «Marianne hatte Geburtstag und einige Freunde zu Besuch», erzählt Maya Scheidegger. Zu diesem Zeitpunkt war das BnB durch einen weiblichen Gast mit einer Freundin besetzt, sie hatten schon öfters bei den Scheideggers eingecheckt. Als sie an jenem Abend von einem Ausflug zurückkamen, Ruhe suchten und Trubel vorfanden, reisten sie verärgert und vorzeitig ab. «Der Fehler lag bei mir, denn ich hatte vergessen, sie über die Festivität zu informieren», so Maya Scheidegger. Ein klärendes Telefongespräch am Tag darauf konnte die Wogen glätten. «Das Angebot einer Gratis-Übernachtung hat die Frau dankend angenommen.» Einen Moment lang sei sie aber schon hässig auf ihre Jungen gewesen, sagt Maya Scheidegger. Das Erlebnis veranlasste sie dazu, den Ausschreibungstext mit dem Wort «Mehrgenerationenhaus» zu ergänzen. Unter dem Strich kommen der Betrieb des BnB und das Familienleben jedoch gut aneinander vorbei. «Im Sommer trifft man sich unten im Garten und wechselt vielleicht ein paar Worte», so Nico Scheidegger. Und auch die Jüngsten profitieren: Eine Frau, die jedes Jahr kam, brachte den Enkelkindern jeweils einen grossen Sack Süssigkeiten mit. Im BnB mithelfen tun die Enkel nicht – «ausser, dass sie sich hin und wieder ein Willkommensschokolädchen schnappen», sagt Maya Scheidegger mit einem Augenzwinkern.
Doch wie kam es vor zehn Jahren dazu, diesen Schritt ins Mehrgenerationenhaus zu wagen? «Als ich an die stets blitzblank geputzten Fenster von Maya und Paul dachte, zögerte ich schon einen Moment», gibt Marianne Scheidegger zu. «Mir war klar: Mit Kindern im Haus haben wir keine Chance, immer alles sauber zu halten.» Maya und Paul hingegen sagen: «Wir haben so viel Platz und verspürten den Wunsch, diesen zu teilen.» Also setzte man sich zusammen und regelte die wichtigsten Punkte vertraglich. Eine Bedingung war, dass Maya und Paul Scheidegger ihr BnB weiterhin betreiben können. Für Nico und Marianne war klar, dass sie sich bloss einmieten und nicht gleich das ganze Haus oder Teile davon übernehmen. Das Risiko, dass es zwischenmenschlich nicht wunschgemäss ausgehen könnte, war dabei nicht der ausschlaggebende Grund. Vielmehr ist es eine Lebenshaltung.
Und so zogen Maya und Paul in ihr neu ausgebautes Heim im ehemaligen Heustock und die junge Familie in die geräumige Wohnung, in der bereits Nico gross geworden war. Wenn sie an die Anfänge zurückdenken, müssen sie schmunzeln: Das Nähe- und Distanzbedürfnis mussten die Erwachsenen erst einmal untereinander aushandeln. «Es kam vor, dass Paul und Maya ohne anzuklopfen bei uns reinkamen – schliesslich hatten sie ja vorher da gewohnt», sagt Marianne Scheidegger. Nach einem klärenden Gespräch einigten sie sich darauf, sich jeweils vorher durch Rufen oder Klopfen anzukündigen. «Heute mache ich mich stets laut bemerkbar wie ein Wirbelwind», so Maya Scheidegger. Wo die Erwachsenen Wert auf ihren eigenen Raum legen, sind für die Kinder die Grenzen der beiden Haushalte fliessend. Maya Scheidegger erzählt: «Levi ist auch schon raufgekommen, weil er etwas Distanz gewinnen musste. Unten war vielleicht etwas vorgefallen und er musste etwas abkühlen.» Und Sohn Nico sagt: «Bei den Grosseltern lernen unsere Kinder eine andere Welt als Ergänzung zu unserer kennen. Das ist ungemein bereichernd für sie.» Auch für die älteste Generation ist diese Wohnform ein Genuss, weil sie Farbe in ihren Alltag bringt. «Die drei Enkelkinder halten uns jung», sagt Gropi Scheidegger. Ein weiterer Vorteil sei, dass man das gegenseitige Umfeld kennenlerne – so würden sich immer wieder schöne generationenübergreifende Kontakte ergeben. Es seien eher die kleinen Dinge, die die Toleranz manchmal strapazierten. Maya Scheidegger: «Wir teilen eigentlich alles – aber man muss vorher fragen.» Dennoch möchte sie diese Form des Zusammenlebens nicht missen. Die grösste Herausforderung sieht sie darin, ihre Kinder gleich zu behandeln. Denn Paul und Maya haben auch noch eine Tochter, die zwei Söhne hat. «Wir haben fünf Enkelkinder, nicht nur drei. Es ist schwierig, unsere Hilfestellung – sei es beim Hüten, Kochen oder Aktivitäten aller Art – gerecht zu verteilen und die Beziehung zu unserer Tochter und ihrer Familie trotz der räumlichen Distanz gleich zu gewichten und zu pflegen.»
Levi pfeffert in einem schönen Bogen einen Schuss aufs Tor, den Piet gekonnt fängt. Sie haben Nani und Gropi gern um sich – «aber das Nani spielt nie mit uns Fussball», beschweren sie sich lauthals. Wer weiss, vielleicht fordert ja der nächste Feriengast die Scheidegger-Kinder zu einem Match heraus. Eins ist klar: Im BnB verbringt man unbeschwerte Ferien­tage – fussballbegeisterte Gäste sind dabei besonders gern gesehen. •