Von Lorenz Wagner (Text) und Daniel Delang (Fotos)

Vier Generationen unter einem Dach – so wohnt unser Autor. Ein Modell der Zukunft,
sagt die Wissenschaft. Hier knirscht es erst und wird dann zu einem Miteinander, das alles
verändert – das Leben. Und das Altern.

Franziska, 40, Lorenz, 50, mit ­Sophia, 4, Susanna, 64, mit ihrem Labrador Paula, Helga, 85

Als in der Früh die Männer mit den Sägen kommen, verbirgt sich Willi in seinem Bett. Einer der Männer klettert in den Wipfel, 25 Meter in der Höhe, doppelt so hoch wie das Haus. Die Spitze des Stamms fällt nach dem Mittagessen, der Fuss zur Dämmerung, Haus und Boden zittern, Sophia klammert sich um meinen Hals. In der ganzen Strasse riecht es nach geschlagenem Holz, eine Woche lang. Und eine Woche lang kommt Willi nicht aus seinem Zimmer. «Ich habe beschlossen», sagt er zu uns, «ich bin jetzt bettlägerig.» Er bricht uns das Herz. Dann geht Helga, seine Frau, zu ihm: «Die Sonne scheint so schön.» – «Nein!» Eine Stunde später Susanna, seine Tochter. Schliesslich Franziska: «Opa, bitte komm.» Sie führt ihn in den Garten, zu einem Stuhl. Seine Fichte! Älter als er mit seinen 95 Jahren. Borkenkäfer hatten sie dem Tod geweiht. Tränen füllen seine Augen. Dieses Loch im Gartenhimmel.
Sophia kommt gelaufen, meine Tochter, vier Jahre alt. Sie stellt einen Stuhl vor Uropa Willis Füsse und, fein gereiht, einen zweiten, dritten, vierten, fünften. Ich muss mich nach vorn setzen, alle anderen dahinter, und sie beginnt zu singen: «Tuff, Tuff, Tuff, die Eisenbahn, wer will mit der Eisenbahn fahrn? Alleine fahren will ich nicht, da nehme ich den Opa mit.» Und ich sehe Willi hinter mir lächeln. Vier Generationen unter einem Dach. Kommt Besuch, drehen sich die Gespräche schnell um diese Familienaufstellung. Dieses scheinbar alte Modell wird zurückkommen, sagte mir der Altersforscher Andrew Scott der Oxford-Universität: «Wie Sie zusammenleben ist in unserer alternden Gesellschaft die Zukunft.»

Vier Jahre ist es her, dass Franziska und ich mit Kind, Hund und Harfe vor dieser kleinen, alten Villa vorfuhren. Vorne im Erdgeschoss hat Helga ihre Räume, 85 Jahre alt, die Seele im Haus. Fünf Mädchen hat sie grossgezogen und ist darüber jung geblieben. Einmal fuhren wir mit ihr zum Camping. Sie schlief eine Woche auf dem Beifahrersitz. Gewaltiger als Helgas Herz sind nur ihr Kleiderschrank und ihr Niesen, das der Grund dafür sein muss, dass einer der beiden Schornsteine abgebrochen ist.
Die linke Seite liegt, bewacht von zwei bemoosten Steinlöwen, wie ein Waldhaus da. Hier lebt Susanna, 64, mit ihrem Labrador Paula. Als vor zehn Jahren die Finanzkrise ihr Geschäft als Puppenmacherin in Stücke geschlagen hatte und ihr Lebensgefährte gestorben war, kehrte sie ins Elternhaus zurück. Helga und Willi begannen, alt zu werden. Susanna liess sich als Heilpraktikerin ausbilden. Hinten war die Villa holzverkleidet, im ersten Stock liegen Willis Zimmer. Er hat ein verschmitztes Lächeln und die gewaltigsten Augenbrauen, was beides in seinem Leben hilfreich war, verliess sich einst doch Charlie Bluhdorn auf ihn, wenn es darum ging, im richtigen Augenblick zu lächeln oder streng zu schauen. 150 Unternehmen zählten zu Bluhdorns Reich, darunter die Paramount, was dazu führte, dass Willi als Produzent eng mit Romy Schneider und Robert Redford verkehrte. Die warmen Monate verbringt Willi im Hausgarten, vor der vierten Gebäudeseite. Wein überwuchert die Fassade, die Blätter hängen so tief, dass sie mein Gesicht streiften, als ich damals durch die Eingangstür trat. Sophia, noch ein schlummerndes Bündel, war das Erste, was wir ins neue Heim trugen. Franziska ging mit ihr in Susannas Reich und legte sich in ihrer Mutter Bett. Franziska war nach der Geburt erkrankt, erst langsam kehrte ihre überquellende Lebendigkeit zurück. Als ich hinzutrat, sah ich, wie sich Franziska um Sophia, Susanna um Franziska und Helga um alle kümmerte. Mich beschlich eine Hoffnung, wie es sein kann, wenn vier Generationen unter einem Dach leben.
Die Idee des Einzugs haben die Mütter unter sich ausgemacht. Franziska wollte, dass Sophia im Grünen aufwächst. Helga erfüllte die Vorstellung, eine Urenkelin in ihrer Nähe zu haben, mit Aufregung. Und Susanna hatte angeboten, dass sie uns die Dachwohnung überlässt, sich auf eineinhalb Zimmer im Erdgeschoss verkleinert. Ein wenig half bei diesem Opfer, dass Labrador Paula kaum mehr die Treppe hochkam, ein Konstrukt, das beim Einzug auch unsere Möbelpacker entsetzte. Immerhin, das grösste Möbelstück durfte im ersten Stock bleiben: das Sofa, unser Beitrag fürs gemeinschaftliche Wohnzimmer, der bei Helga und Susanna kreischendes Gelächter ausgelöst hatte und von dem Willi nichts ahnte. Orange und lindgrün, die Kissen geblümt, alle Farben, nur eine einzige fehlte: weiss. Die von Willis Sofa, das weichen musste. Müde sass ich am Abend in unserer neuen Küche, von unten hörte ich einen aufgeregten Mix aus Stimmen. Da kam Franziska gelaufen. «Der Opa hat das Sofa gesehen.»
In einer perfekten Welt, sagte mir mal eine Beziehungsforscherin, wären wir allein: Solch eine Mühe ist es, den Tag mit anderen in Einklang zu bringen. Nun mag es nicht leicht sein, den Tag mit anderen zu teilen; schwerer ist es, unter einem Dach zu leben. Du musst nicht nur den Tag, du musst dein Leben mit anderen in Einklang bringen. Und so war vor dem Einzug – bei aller Vorfreude – in uns ein Unbehagen aufgestiegen. Susannas Blick verdüsterte sich, als sie ihr Hab und Gut ins Erdgeschoss tragen sollte. Wie viele Wochen sie vor ihren Sachen sass, den alten Puppenstoffen, den Büchern ihres verstorbenen Lebensgefährten … Nicht mal die Hälfte würde sie in der neuen Bleibe unterkriegen. Es waren nicht nur Kisten, die Susanna tragen musste. Von Helgas Sorgen erfuhren wir über Umwege. Auf einem Fest fragte sie ein Nachbar, wie es wohl werden würde, mit uns im Haus. «Ich weiss nicht», hörten wir Helga sagen. Mit Baby im Haus würde sie sicher nicht mehr die Musik laut stellen und durch die Zimmer tanzen. Schliesslich unsere Zweifel. Mit sechzehn Jahren war Franziska von zu Hause ausgezogen, nun sollte sie mit 36 noch mal mit ihrer Mutter zusammenziehen. Und: Was bedeutete das für unsere Dreisamkeit, Sophia, Franziska und mich?

Den ersten Ärger, das Sofa, kittet Sophia. Als sie bei Opa Willi auf dem Schoss sass, wurde aus «Ihr könnt gleich wieder ausziehen» ein «Wäre ich nicht 90 Jahre alt, könntet ihr gleich wieder ausziehen». Und so nahm das neue Leben seinen Anfang. Das Gefühl, in einer Puppenwohnung zu wohnen. Gartentage, Glühwürmchen-Stunden, Tischtennis gegen Helga. «Wehe, du lässt mich gewinnen.» Herbstlaub, erster Schnee, Weihnachten, Willi kommt, von zwei Generationen gestützt, nach oben. «Danke, dass wir hier wohnen dürfen.» – «Ach was. Schön, dass ihr da seid.» Jede Generation hat ein eigenes Bad, einen eigenen Herd, einen eigenen Fleck im Garten, doch Zentrum ist Willis und Helgas Küche. Scheint die Sonne, verlagern sich die Treffen in den Hausgarten. Hier stellten wir im ersten Frühling Grill und Planschbecken auf, hier serviert Helga ihren Erdbeerkuchen, den sie nach Ostern fast täglich backt. Schliesslich sind die Beeren im Angebot und müssen, um Geld zu sparen, gekauft werden.

Willi, 95, mit Tochter Susanne, Ehefrau Helga und Urenkelin Sophia

Im ersten Frühling war es auch, dass die ersten Streitereien aufkamen. «Franziska! Räum bitte meinen Geschirrspüler nicht mehr ein, du machst das nicht richtig.» – «Lorenz! Man darf die Waschmaschine nicht so voll machen.» – «Franziska, wie sieht es hier wieder aus?» Und sie hatten ja recht. Aber: Sahen sie nicht, wie es ist, mit Tüten in der Hand, Sophia vor dem Bauch? Und der Ton war nicht in Ordnung. Und wir brauchten niemanden, der, wenn wir weg sind, den alten Lavendel aus unseren Balkonkübeln ausgräbt. Und wir brauchen auch keine ständigen Ratschläge, was gut für Sophia ist.
Streit, wie er in jeder Familie vorkommt, aber zugleich Ausdruck von Vertrauen. Erklärt mir die Beziehungsforscherin, die mir einst sagte, dass wir in einer perfekten Welt alleine leben würden: Anna Machin von der Oxford-Universität. Im MRT unserer Gehirne lässt sich beobachten, wie achtsam wir gegenüber Freunden sind und wie nachlässig gegenüber der Familie. «Weil wir genetisch verbunden sind, vertrauen wir mehr in diese Beziehung.» Und so musste, weil wir uns biochemisch zu sicher sind, öfter mal der Familienrat tagen. Langsam ruckelte es sich zurecht. Es ging leichter, als man denkt, so, wie man im Ausland beiläufig eine fremde Sprache lernt, lernt man im Zusammenleben die Sprache des Miteinanders. Die Rollen pendeln sich neu ein, Susanna wurde eine andere Mutter, Franziska eine andere Tochter, als sie es früher waren. Das Alter lässt erwachsene Mütter irgendwann schrumpfen und erwachsene Töchter wachsen. So fanden sich beide auf Augenhöhe wieder. Unsere grosse Hilfe bei allem: Sophia.
Wir sahen Sophia beim Wachsen zu und merken gar nicht, wie wir mit ihr wuchsen. Unsere Rücksicht, das Verständnis, unsere Gemeinschaft. Nachdem Sophia mit Willis Rollator das Laufen gelernt hatte, eroberte sie das ganze Haus. «Oma Susi!« – «Ja?» – «Vorlesen!» – «Oma Helga! Trampolin hüpfen!» – «Opa Willi, Trompete spielen!» Und nach dem, was ein Tag so bringt, Vorlesen, Füttern, Tränentrocknen, sind alle am Abend aufgearbeitet; aber belohnt mit 400 Kinderlachen, statt der 15, die Erwachsene im Schnitt am Tag lachen. Da erträgt Willi lächelnd, wenn ihm Sophia auf dem Kopf herumhopst, wenn er ein Stockwerk tiefer seinen heiligen Abendfilm anschauen will. Er ist der zweite verbindende Mensch in unserem Haus, der zweite, der uns alle braucht. Er hat Pflegestufe 4, alle im Haus helfen mit, unterstützt von einer mobilen Pflege am Morgen: anziehen, waschen, Medikamente bereitstellen, Honigbrot schmieren, den Weg in den Garten gehen, auch bei Laune halten. Ohne unsere Hilfe könnte er hier nicht mehr leben. Aber ohne ihn und Sophia hätte unser Modell nicht seine Stärke. Es sind die Schwächsten, die eine Gesellschaft zusammenhalten.
Neben Willis Schlafzimmer hängt ein Foto, er in meinem Alter, breite Brust, der Schopf dicht, Geschäftsreise mit Charlie, die Welt bewegen, der Flieger wartet. Nun, Willi ein halbes Jahrhundert später: die Brust schmal, das Haar weiss, die Hände am Rollator. Das Alter ist ein Räuber. Oft sitzen Willi und ich in der Küche und sprechen darüber. Ob er hundert werden wolle? «Überhaupt nicht. Im Verhältnis zu dem, was ich die letzten achtzig Jahre gehabt habe, ist das jetzige Dasein unerfreulich. Am schönsten wäre es, wenn ich einschlafe und beim Aufwachen feststelle, dass ich nicht mehr …»

Was das Alter mir wohl rauben wird? Ich begann zu sehen, wie wir Jungen es den Alten schwermachen, ungewollt, in kleinen Ereignissen. Als wir Bilder anschauen, jeder hat was zu sagen, auch Sophia. «Die … Die …» hebt sie an, alle warteten geduldig, bis sie sagt, was sie sagen will. Kurz darauf Willi: «Als … als …» Es dauert. Und schon spricht einer rein. Und er schweigt. Oder als wir im Garten sitzen, Willi auf seiner Liege. «Wo hast du denn deine Kreuzworträtsel?» – «Die mache ich nicht mehr, weil ich’s nicht mehr lesen kann.» – «Oh. Seit wann?» – «Seit Herbst.» Ich schäme mich. Weihnachten hatten wir ihm Kreuzworträtsel geschenkt. Ach, würden wir doch mehr hinschauen. Lebten Franziska und ich wie vorher, in der Zweigenerationen-Wohnung, nichts wüsste ich über das Altern. Ich begann mich damit zu beschäftigen, lieh mir bei der Caritas einen Altersanzug, mit Gewichten, die den Gang stören, mit Handschuhen, die das Greifen erschweren. Als sei ich 80. «So ein Unsinn», sagt Willi. «Wir brauchen einen Anzug, der dich fühlen lässt wie 35.»

Ich sprach mit renommierten Altersforschern auf der ganzen Welt. Erstmals in der Geschichte, sagen Mediziner wie der Harvard-Professor David Sinclair, lasse sich das Altern umkehren. Medizin, die Zellen verjüngen oder im Körper Prozesse auslösen, als treibe man Sport oder faste. Medizin, die Gene aktiviert, die einen gesünder altern lassen. Nur darum geht es: die Gesundheit verlängern. Professor Sinclair erzählte mir von Mitteln, die er schon schluckt. Etwa das Molekül NMN, das in Studien Mausgreise in Rennmäuse verwandelte. Das seriöse, zurückhaltende Journal Nature widmete ihm gleich 23 Seiten, gestützt auf 272 Studien und Quellen. Das Urteil: NMN bietet «einen aufregenden therapeutischen Ansatz, Alterserkrankungen zu behandeln und die gesunde Lebenszeit zu erhöhen.» Die Zeit bricht an, sagen Wissenschaftler, in der Menschen im Alter weniger Leid erdulden müssen. Ich bestellte einige der Moleküle. Helga, Susanna und ich schlucken sie. Mit erstaunlichen Ergebnissen.
Das dritte Jahr, «an die Zeit werden wir uns immer erinnern», sagt Helga. Dann kam die Pandemie. Wir definierten Abstandsflächen, wollten für Helga einkaufen. Sie lachte nur: Das Rausgehen in die Welt war eine Freiheit, die sie sich nicht nehmen lässt. Auch nicht die Spaziergänge mit ihrer Freundin Ruth, bei denen sie Sophia mitnehmen, weil sie durch die Kleine den Wald mit anderen Augen sehen. Einsamkeit kennen wir in der Pandemie nicht. Aber wir müssen vorsichtig sein. Inzwischen sind wir geimpft. Samstagmorgen. Was ist unten los? Gestern war ich lange wach, habe in eine Serie reingeschaut, Altenheim für Vierjährige, Nir Barzilai hatte mir davon erzählt, New Yorker Professor, weltbekannt für seine Studien mit Hundertjährigen. Die Idee der Serie: Vierjährige besuchen ein Altersheim. Jung und Alt, einfach Zeit teilen: Malen, Singen, Teig kneten, Lachen, Berührung. Ärztliches Fazit nach sieben Wochen: dramatische Stimmungsaufhellung, Gleichgewichtssinn um 50 Prozent verbessert. Drei Viertel der Alten fallen Setzen und Aufstehen leichter. Schrittzahl und Griffstärke verdoppelt. Die Kraft einer alten Dame hat um 15 Kilo zugenommen. Und es stärkt auch die Kinder. In den «Blauen Zonen», den Gebieten der Welt, in denen Menschen besonders alt werden, behalten diese die Alten in der Nähe – es senkt auch Sterblichkeit und Krankheitsrate der Kinder. Zusammen ist man weniger alt.
Ich gehe runter. Alle sitzen um Sophia herum. Franziska ist, Befehl von Sophia, das Flugzeug, muss sie heranbringen. Sophia steigt aus, in der Hand einen Luftballon. Sie wirft ihn zu Willi, zu Helga, so geht es Minuten, bis Sophia mit dem Kopf gegen den Schrank knallt und Franziska sie in die Arme nimmt. Sophias Augen füllen sich mit Tränen; aber sie macht sich los. «Kein Aua», sagt sie. Weitermachen. Mit Helga und Willi. Und die beiden haben gerade auch kein Aua. •

Lorenz Wagner ist Autor und Journalist beim «SZ Magazin». Aus dem täglichen Miteinander im Haus und vielen Gesprächen mit Medizinern und Alternsforschern entstand das Buch «Zusammen ist man weniger alt – Ein Mehrgenerationenhaus und die wissenschaftliche Antwort darauf, wie man gesund und glücklich altert.»
Verlag Goldmann, 2021, 384 Seiten, ca. 32 Franken.