Nachbarschaften – auf den Hund gekommen ?

François Höpflinger (70)
ist in selbstständiger Forschung und Beratung zu Alters- und Generationenfragen tätig. Nebst seinen wissenschaftlichen Arbeiten schrieb der Soziologieprofessor auch diverse Kurzgeschichten,
Satiren und Fabeln. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und vier Enkelkinder.

Früher waren Kinder das lärmend-pulsierende Herz vieler Nachbarschaftskontakte, im Guten wie im Schlechten. Die Nachbarschaft als Tummelfeld und Spielfeld von Kindern führte automatisch zu Kontakten, Unterstützung und Reklamationen. Nachbarschaftliche Hilfe drehte sich weitgehend um Fragen der Kinderbetreuung, junge Eltern trafen andere junge Eltern, Kinder brachten Kinder aus der Nachbarschaft nach Hause und Lausbubenstreiche halfen mit, dass sich auch kinderlose Personen nachbarschaftlich aufregen konnten. Auch als aktive Grosseltern erlebten wir, wie stark Kontakte zu anderen Menschen – jungen Eltern und alten Menschen aus der Nachbarschaft – durch Kinder vermittelt werden. Heute sind Kinder allerdings in vielen Quartieren rar geworden und ein wesentlicher Teil der Kindheit spielt sich in geschlossenen Räumen (Wohnung, Krippe, Schule usw.) ab. Erst mit dem Töffli-Alter werden junge Menschen erneut zum Thema nachbarschaftlicher Klagen. Wo früher Kinder nachbarschaftliche Beziehungen stimulierten, sind es – speziell dort, wo viele ältere Menschen leben – zwei Dinge, die Kontakte beziehungsweise Konflikte initiieren: Automobile und Haustiere. Parkplatzprobleme können Streitigkeiten über Jahre bestimmen. Sowohl in Graubünden als auch in Horgen waren Fragen des Parkierens jahrelang ein zentrales nachbarschaftliches Thema. Gleichzeitig können Haustiere nachbarschaftsverbindend wirken. Nachbarschaftliche Kontakte entstehen etwa durch multilokale Katzen, die ihre Mäuse auch mal in der Nachbarwohnung platzieren. Hunde können nerven und verbinden. Ein interessantes Lebensexperiment, das zu jeder Zeit ausprobiert werden kann, geht wie folgt: Man spaziert im Dorf oder im Quartier zuerst allein und am folgenden Tag mit einem (netten) Hund. Es ist erstaunlich, welche Begegnungsunterschiede sich ergeben. Wir mussten zeitweise eine alte Hundedame (Typ Dackel) betreuen, weil ihre Besitzerin ins Pflegeheim wechselte. Beim Spazieren mit dem Hund wurden wir deutlich netter begrüsst und häufiger angesprochen, als wenn wir allein am See spazierten (primär von anderen Hundebesitzern).

PS: Heute wird vielerorts versucht, Nachbarschaftsbeziehungen und Nachbarschaftshilfe bewusst zu pflegen. Das ist positiv, aber wahrscheinlich hat man rascher Erfolg, wenn man menschenfreundliche Hunde gezielt miteinbezieht.

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