Wieso wir immer wieder Namen verwechseln

Warum sprechen wir ausgerechnet unsere Liebsten bisweilen verkehrt an? Eine Frage des Alters? Mitnichten, sagt Samantha Deffler. Die merikanische Psychologin hat untersucht, wie verbreitet Namensverwechslungen sind – und welchen Regeln sie unterliegen.

Vom Ümit Yorker (Text)

Hans und Heiri. Ursula und Ruth. Alois, Otto, Leo und Martha: Meine Grossmutter hatte acht Kinder, und bis sie mit 92 Jahren starb, waren neun Enkelkinder und sechs Urenkel hinzugekommen. Wenn sie an Familienfesten das Wort an jemanden richtete, klang das meistens so: «Martha … Gaby … Andrea … Marlene … äch, Ümit!» Mit jedem Jahr wurde die Reihe falscher Namen länger, die der richtigen Ansprache vorausgingen, und kann es ihr jemand verübeln? Ich dagegen habe lediglich zwei Söhne und schaffe es trotzdem kaum je auf Anhieb, den einen nicht beim Namen des andern anzureden. Was ist da bloss los?

Keine Frage der physischen ähnlichkeit
Namensverwechslungen lassen sich weder einfach mit der Zahl der Kinder oder Enkel erklären noch aufs Alter schieben, das bestätigt auch die amerikanische Psychologin Samantha Deffler. Denn selbst als Jugendliche nennen wir vertraute Menschen ja gerne einmal beim falschen Namen: So dürfte vielen von uns Jahre später noch der unangenehme Moment in Erinnerung sein, in dem wir den neuen Freund einmal versehentlich mit dem Namen des Ex angesprochen hatten.
Gemeinsam mit Cassidy Fox, Christin Ogle und David Rubin hat Deffler untersucht, wie verbreitet Namensverwechslungen sind und welchen Gesetzmässigkeiten sie unterliegen. Die Wissenschaftler liessen dazu rund 1500 Studentinnen und Studenten einen Fragebogen ausfüllen. Mehr als die Hälfte gab an, schon einmal von einer vertrauten Person mit falschem Namen gerufen worden zu sein, fast immer war es jemand aus der Familie. Fast ebenso viele antworteten, auch selbst schon Freunde oder Familienmitglieder verkehrt angesprochen zu haben.
Frauen verwechseln Namen etwas häufiger als Männer, wie die Autoren der Studie feststellen. Fast immer handelt es sich ausserdem um Personen, die einander regelmässig sehen oder hören; die Person, der der verkehrte Name herausrutscht, ist meistens älter als die angesprochene. Zu Verwechslungen kommt es aber höchstens alle paar Monate einmal, und meistens wird nicht eine ganze Liste verkehrter Namen aufgezählt, sondern nur einer.
Liegt der Grund für solche Verwechslungen vielleicht darin, dass sich die Personen physisch ähneln oder deren Namen ähnlich klingen? Samantha Deffler und ihre Kollegen haben auch das untersucht: Während das Aussehen kaum einen Einfluss hat, kommen Verwechslungen tatsächlich häufiger vor, wenn die Namen etwa mit dem gleichen Laut beginnen; der Effekt ist allerdings nicht gross.

Wo Benno zu Bello wird
Trotzdem geschehen Namensverwechslungen keineswegs willkürlich: Freunde werden normalerweise mit den Namen anderer Freunde angeredet, Familienmitglieder als andere Familienmitglieder bezeichnet; auch die falschen Namen gehören also zur gleichen sozialen und semantischen Kategorie. Zum Set der Familienmitglieder, so stellen die Forscher fest, zählen auch Haustiere. So berichteten gleich mehrere Dutzend Personen, dass Eltern oder Geschwister sie versehentlich auch schon mit «Bello», «Tucker» oder «Rex» betitelt hätten.
Fast immer geht es dabei um Hunde. Katzen seien zwar fast gleich häufig in den Hauhalten der Befragten anzutreffen, heisst es in der Studie; trotzdem schleicht sich «Kitty» oder «Tigger» kaum je auf die Liste verkehrter Namen. Der Hund werde offenbar stärker als zentraler Teil der Familie wahrgenommen als andere Haustiere. «Dieses Ergebnis brachte uns einige erboste Reaktionen ein», erzählt Deffler, die inzwischen Assistenzprofessorin am York College von Pennsylvania ist. Dabei wolle man keineswegs in Abrede stellen, dass Katzen ebenfalls zur Familie gehörten. «Doch kommen einem deren Namen vielleicht generell seltener über die Lippen», ergänzt die 31-jährige Wissenschaftlerin, die zu Hause selbst Katzen hat. «Schliesslich kommen sie ja auch selten, wenn man sie ruft.» Nur drei ihrer Befragten wurden entsprechend schon mit der Hauskatze verwechselt. Und nur gerade in einem Fall war weder der Haushund noch die Hauskatze der falsche Namensgeber – «sondern der Hausvogel».
Bleibt die Frage: Warum machen Frauen öfter ein Durcheinander als Männer? Die Autoren haben keine abschliessende Antwort, aber eine Vermutung: Vielleicht tauschten sich die Befragten schlicht ein wenig mehr mit ihren Müttern, Grossmüttern und Schwestern aus als mit ihren Vätern, Grossvätern und Brüdern. Da komme es halt auch häufiger zu Versprechern. Sie selbst hätten vor allem eines aus der Studie mitgenommen, erzählt Deffler: «Es war schön zu sehen, dass wir nicht die einzigen sind, die früher von ihren Müttern beim Namen des Familienhundes gerufen wurden.»•

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