Früh los
Daniel Fehr und Lotte Bräuning, Thienemann, 2021. 32 Seiten, ca. 24 Franken. Ab 4 Jahren.

Ein Grossvater und sein Enkel ziehen «früh los» – bergwärts. Auf der Wanderung gibt es viel zu entdecken, aber letztlich geht es um unterschiedliche Kräfte, um das Jungsein, das Altwerden und das gegenseitige Verständnis. Erst hüpft das Kind voraus, dann fordert die Müdigkeit des Alten die Umkehr. Der Berg funktioniert auch als nicht-erreichtes Ziel gut: Dass der Grossvater früher ganz oben war, benennt Tatsachen von damals und ergibt ein Sinnbild für heute.
Doch passend zum Thema dieses Magazins schaue ich jetzt auf die Wohnverhältnisse: Bevor die Geschichte einsetzt, sehen wir, wie Jon am Vorabend von zu Hause aus allein zum Grossvater geht. Eine Übersichtlichkeit à la Bullerbü. Vor dem Hof von Jons Eltern steht eine Hüpfburg; vor dem Haus des Grossvaters auch. So wohnt kein Alpöhi. Nein, Daniel Fehr erzählt von einem Rentner (Witwer?), der Brot backt und das Schlafsofa einrichtet für seinen Enkel. Die meisten von uns kennen das Foto der aufgekratzten Seniorin, die aus der SBB-Werbung grinst und die Ticket-App fürs Handy anpreist. Auch Illustratorin Lotte Bräuning zeigt einen lachenden Alten. Aber die Küchenmöbel und die Bundesordner im Regal charakterisieren ihn als im besten Sinn «gewöhnlichen» älteren Mann. Es gehört zu kurzen Texten und Illustrationen, dass sie verdichten, typisieren. Aber machen wir nicht ein Gleiches, wenn wir eine Wohnung betreten? Wir nehmen einige «Signale» wahr und schliessen auf die Bewohnerinnen und Bewohner.
Natürlich geht es in einem Bilderbuch um die Geschichte. Aber die Figurenzeichnung und Kulisse erzählen mit. Wie Bräuning Clichés nutzt und sie zugleich nuanciert, das illustriert auch, was die Illustratorin kann. Sie erzählt mit Fussbodenfarben und Möbeldesign, dass sich dieser Mann vor rund 50 Jahren eingerichtet hat. Dass er beim Abendessen die Finken abstreift unterm Tisch, dass er die Fotoschachtel holt, die auf einem früheren Bild neben den Ordnern zu sehen war, das sind wichtige Details. Sie tauchen nicht auf im Text, die Illustratorin hat sie imaginiert und illustriert. Wir haben die Erfahrung, dass Kinder solche Zeichen beim wiederholten Anschauen entdecken und aufgreifen. Vermutlich lesen sie auch Einrichtungen genauer als wir annehmen. Bloss ist das selten Gesprächsthema.•

Bilderbuch: Warum wir vor der Stadt wohnen
Peter Stamm, Fischer Verlag, 25 Franken


Eine Grossfamilie reist auf der Suche nach einem neuen Zuhause durch die Welt. Die Familie landet an ungewöhnlichen Orten. Überall bekommt eines der Familienmitglieder ein Problem, sodass die Familie weiterziehen muss, bevor ihre Reise in einem Haus vor der Stadt endet. Die Bilder von Jutta Bauer machen dieses Bilderbuch zu einem Schmuckstück.