Jede siebte Person zwischen 65 und 74 Jahren in der Schweiz trinkt chronisch zu viel Alkohol. So auch Hans-Peter Metzler*, Ehemann, Vater, Grossvater. Er verheimlicht seine Sucht, die in der Familie sowieso niemand wahrhaben will. Das Dossier über ein grosses Tabu.

Weitere Infos über die Alkoholsucht:
Wann ist es zu viel?
Wo Sie Hilfe erhalten.
Interview mit dem Präventionsberater Stephan Koller

Von Klaus Petrus (Text) und Andreas Gefe (Illustration)

Hans-Peter Metzler* der Trinker, der nur in kurzen Sätzen spricht, steht bei sich in der Küche eines Mehrfamilienhauses am Stadtrand von Bern, es ist ein matschiger, lebensmüder Samstagnachmittag, wir sind allein. Er setzt eine Kanne Wasser auf, zupft abwechselnd am Hemd, am Gilet oder an den Hosen, er holt eine Flasche Grappa aus dem Schrank, richtet zwei Gläser fein ordentlich vor uns auf dem Tisch aus und fragt: «Oder doch direkt in den Kaffee?»
Morgens um halb zehn und nach zwei Kaffee Lutz kehrt Ruhe ein in seinem Schädel, sagt Metzler. Eine Stunde später sei alles wie in Watte und gut. Dann ist Mittag, ein Glas Rotwein und einen Schnaps, die Nachrichten, ein Schläfchen, später geht er noch raus zum Einkaufen.
Montag und Donnerstag trifft er sich mit Roland, einem Schwätzer vor dem Herrn und einem massigen Biertrinker, zu einem Jass, derweil trinkt Metzler seinen Wein, aber zügig. Zum Znacht gibt es Mineral mit Gas, doch später, wenn seine Frau Hildegard, geborene Schmitz aus Augsburg, zu Bett geht, holt er noch eine Flasche heraus. So sei das plus minus, rechnet der 69-Jährige vor: pro Tag 3 Schnapskaffee, 1 Ballon Weissen und fast 1 Flasche Rotwein. «Bon, manchmal trinke ich das Doppelte, plus Gin.»

Sanfter Übergang in die Sucht

Ältere Menschen und ihre Alkoholsucht: Davon ist in der Öffentlichkeit kaum die Rede. Dabei sind die Zahlen alarmierend. Laut Bundesamt für Gesundheit BAG konsumiert ein Viertel der über 65-Jährigen täglich Alkohol, das ist mehr als jedes andere Alterssegment der Durchschnittsbevölkerung. Rund sieben Prozent der Rentner und Rentnerinnen weisen einen chronisch-risikoreichen Alkoholkonsum auf, d. h. sie trinken mehr als vier Gläser pro Tag. Die Gründe dafür sind mannigfaltig, doch die zunehmende Vereinsamung und das Gefühl, in dieser Gesellschaft keinen Platz mehr zu haben, spielen fast immer eine grosse Rolle.
Das war auch bei Metzler so. Als er 2015 nach drei Jahrzehnten als Lagerist bei der Post in Rente ging, zog er sich immer mehr zurück und stellte sein Leben in Frage. Zu trinken begonnen habe er nicht an einem bestimmten Tag, sagt er, und auch nicht in einem bestimmten Monat oder Jahr. Es sei wie von selbst gekommen: schleichend, sanft, wohlig.

Gegen die Unruhe Temesta

Bereits vor der Pension überkam Metzler bisweilen eine Unruhe, wie aus dem Nichts. «Soll ich zum Arzt, werde ich komisch?», habe er seine Frau gefragt. «Ach was, Hampi, das ist doch bloss die Angst vor dem Loch», habe Hildegard zu ihm gesagt. Als er dann in Pension ging, bekam er Mühe mit Einschlafen, er machte sich Gedanken und Sorgen und eine dumpfe Angst breitete sich in ihm aus. Der Arzt verschrieb ihm Temesta, das half. Zusammen mit einem Glas Wein schlief er fortan wie ein Stein. «Vielleicht war das der Anfang», sagt ­Metzler heute.

Als er dann in Pension ging, bekam er Mühe mit Einschlafen, er machte sich Gedanken und Sorgen und eine dumpfe Angst breitete sich in ihm aus. Der Arzt verschrieb ihm Temesta, das half. Zusammen mit einem Glas Wein schlief er fortan wie ein Stein. «Vielleicht war das der Anfang»

Im ersten Jahr nach seiner Pension trank Metzler vor allem auswärts, das ging ins Geld. Heute kennt er jede Denner-Filiale in Bern und Umkreis, er wechselt ab, will nicht auffallen, wenn er den Einkaufskorb füllt: ein Beaujolais für 4,20, zwei Merlot à 2,90, eine Flasche Gin für 9,90, dazu Mineralwasser, Pelati und Gurken im Glas. Manchmal nimmt er einen Rioja aus dem Regal, wenn Aktion ist für 12,95 statt 19,50, «schon wegen der Flasche». Ist sie ausgetrunken, legt Metzler sie samt Zapfen auf die Seite, dann füllt er sie immer wieder mit billigem Fusel auf, stellt sie zum Mittagessen auf den Tisch. So hält eine Flasche Rioja fast eine Woche und Metzler wahrt den Schein. Als er zum ersten Mal, das war vor drei Jahren, mit einem roten Plastiktrichter einen billigen Dôle so umfüllte und anderntags schon wieder einen, dachte er bei sich: «Nun bist du ein Säufer.»
Damals begann Metzler sich zu verändern. Die tägliche Rasur legte er von morgens auf den frühen Nachmittag, er verschob Termine, verlegte Rechnungen, verlor den Schlüssel und verpasste den Coiffeur, er vergass, was er gestern gegessen hatte, er machte Grimassen vor dem Spiegel, rief sich selbst wütende Worte zu. Und er fing an, sich zu schämen. Wenn die Kinder mit ihren Enkeln am Wochenende auf Besuch kamen, wenn Metzler in der Küche stand und das Essen zubereitete (gemischter Salat, Pommes und Wiener Schnitzel, bei Metzlers Tradition), dann hörte er sie im Wohnzimmer reden: «Der Vater gibt ab», tuschelten sie, oder «Lasst ihm doch sein Weinchen».
An einem dieser Sonntage, erzählt er, habe er die Contenance verloren, er habe geschrien «Hier nimmt mich doch keiner ernst!» und die Tür zugeknallt. «Pass ja auf, Hans-Peter», habe seine Frau gezischt, als er zurück in die Wohnung schlurfte. Da war er angetrunken, hatte ein schlechtes Gewissen, und ein Wort gab das andere. Es war ihr erster richtiger Ehestreit in über vierzig Jahren.

«Alter Säufer»

Es war auch zu jener Zeit, dass die jüngste Tochter Nina mit ihren Kindern ihm plötzlich aus dem Weg ging. Zweimal die Woche, manchmal auch mehr, schaute Metzler an den Nachmittagen zu seinen beiden Enkeln, zu Maria, vierjährig, und ihrem um zwei Jahre jüngeren Bruder Elio. Er ging auf den Spielplatz oder spazierte mit ihnen durch den Wald, Maria an der Hand, Elio im Kinderwagen, er nannte ihnen die Namen von Blümchen, sah den Vögeln nach. Oder er blieb zu Hause, baute Klötze aufeinander, gab den Kindern zu essen, sie schauten gemeinsam fern oder blätterten in Kinderbüchern. Sie hätten immer etwas zu lachen gehabt, sagt Metzler, die Enkel vermochten ein manches Mal seine dunklen Gedanken zu verscheuchen. «Dann war dieser Nachmittag. Ich hatte vergessen, die beiden bei meiner Tochter abzuholen. Als Nina mich später am Handy erreichte, war ich schon betrunken. Sie nannte mich einen ‹alten Säufer›. Dann legte sie auf.»

«Dann war dieser Nachmittag. Ich hatte vergessen, die beiden bei meiner Tochter abzuholen. Als Nina mich später am Handy erreichte, war ich schon betrunken. Sie nannte mich einen ‹alten Säufer›. Dann legte sie auf.»

«Die Kinder fehlen mir»

Das war vor knapp einem Jahr. Seither verbringt Metzler kaum noch Zeit alleine mit seinen Enkeln, meist ist seine Frau Hildegard dabei oder die ganze Familie. «Die Kleinen fehlen mir», sagt er. Vorwürfe aber macht er niemandem, immer wieder sagt er mit fester Stimme: «Keiner hat Schuld. Ausser mir.» Seine Tochter mache sich wohl Sorgen um ihn – und darüber, dass den Enkeln etwas geschehen könnte, wenn sie die beiden beim Grossvater lasse, meint Metzler. Einmal habe Nina sein Alter vorgeschoben und dass er allmählich ein wenig wackelig sei auf den Beinen und das Temperament der Kleinen ihn doch überfordern würde. «Du wirst alt, Hampi», sei auch ein Spruch, den seine Frau immer öfter brauche. Dabei, sagt Metzler, wissen doch alle Bescheid. Doch wahrhaben wollen sie es nicht. «Wir tun einfach so, als sei alles normal.»

Die Gefahr der Bagatellisierung

«Man will ältere Menschen nicht bevormunden und ihnen ein ‹Gläschen in Ehren› nicht verwehren.»

Jonas Wenger vom Fachverband Sucht kennt das Problem. «Sucht ist ein Tabu­thema. So kämpfen viele Betroffene mit Scham und führen eine Art Doppelleben. Dazu kommt, dass die Sucht gerade bei älteren Menschen oft bagatellisiert wird. Man will ältere Menschen nicht bevormunden und ihnen ein ‹Gläschen in Ehren› nicht verwehren.» Für ihn sei dies eine Gratwanderung zwischen der Anerkennung der Selbstbestimmung eines Menschen und dessen Recht auf Fürsorge. «Wichtig ist, dass die Angehörigen oder Fachpersonen mit den Betroffenen über ihre Sucht reden und sie in ihren Entscheidungen unterstützen.» Wenger ist überzeugt, dass gerade ältere Menschen über viel Lebenserfahrung und ausreichend Ressourcen verfügen, die sich aktivieren lassen und die sie vor einer Abhängigkeit schützen können. «Aber dafür braucht es die Bereitschaft der Betroffenen, ihre Sucht zu thematisieren und sich helfen zu lassen.»

Einkaufen gehen statt Grübeln

Seit Metzler trinkt – seit er so viel trinkt, dass er am Morgen zittert und abends lallt –, ist ihm vieles zu viel geworden. Auch das Reden. Mit Roland, dem Trinkkumpan, mag er seine Sucht jedenfalls nicht diskutieren, er kennt dessen Antwort: «Mier wey nid grüble, proscht Hampi!» Und seine Frau Hildegard, sechs Jahre jünger als er und sowieso die Macherin im Haus, schickt ihn in solchen Augenblicken zum Einkaufen und ruft ihm ein «Du alter Wirrkopf» hinterher. «Vielleicht leide ich ja an einer Altersdepression.» Sein Arzt habe unlängst dieses Wort gebraucht, das kam ihm seltsam fremd vor.

«Grossvater, du stinkst»

An Abstinenz hat Metzler bisher nur ein einziges Mal gedacht, als Elio, sein jüngster Enkel, zu ihm sagte: «Grossvater, du stinkst.» Da habe er sich, wieder einmal, in Grund und Boden geschämt. Aber eben, murmelt er, irgendwie müsse er doch diese Gedanken verscheuchen, die ohne Wein kommen und mit dem Wein bleiben. Wie alles weitergehen soll, das weiss er nicht. Sollte er ins Altersheim, in eine Suchtklinik gar? An den Tod denkt Metzler jedenfalls oft. Und stellt sich vor, es werde dann einfach dunkel sein und still. Er fürchtet sich nicht, er mag den Gedanken. Wie er das Wetter an diesem matschigen Samstagnachmittag mag. Lange genug schien in den vergangenen Wochen die Sonne, grell und aufdringlich. Jetzt hängen die Wolken tief und der Wind kriecht der Strasse entlang. In Metzlers Bart liegt ein Lächeln.•

  • alle Namen geändert.

Wann ist es zuviel?

Laut BAG konsumieren 7,1 Prozent der 65- bis 74-Jährigen chronisch risikoreich Alkohol, im Vergleich dazu sind es bei den 20- bis 24-Jährigen 3,9 Prozent.

Von «risikoreichem Alkoholkonsum» wird dann gesprochen, wenn dadurch die eigene Gesundheit oder diejenige von anderen Personen gefährdet wird und entsprechende Schä­den in Kauf genommen oder verursacht werden. Bei Männern ent­spricht diese Form des Konsums pro Tag mehr als vier Gläsern Bier (3dl) bzw. Wein (1dl), bei Frauen mehr als zwei Gläsern Bier bzw. Wein. Im Schnitt konsumieren zwei von drei Personen bereits vor Ein­tritt ins Rentenalter risikoreich Alkohol. Auch werden im Alter zunehmend Schlaf- und Beruhigungsmittel eingenommen; fast ein Fünftel der Personen ab 55 Jahren nimmt derlei Medikamente zusammen mit Alkohol ein. Trotzdem wird das Thema Sucht im Alter tabuisiert. Um dem entgegenzuwirken, hat das
BAG letztes Jahr eine Studie zur Früherkennung und Frühintervention lanciert. Zudem haben der Fachverband Sucht und das Alterszentrum Gustav Benz Haus in Basel ein Konzept entwickelt, das die Vernetzung von Suchthilfe und Alterspflege fördern soll. Informationen unter: alterundsucht.ch


Hier erhalten Sie Hilfe

Alterundsucht.ch
Plattform mit gesammelten Informationen zu Sucht im Alter und deren Auswirkungen sowie weiterführenden Links für Betroffene, Angehörige, Ärzte und Fachpersonal.

Safezone.ch Online-Beratungsstelle, niederschwellig und schnell. Zusätzlich eine grafische Karte der Schweiz mit der Auflistung aller kantonalen und regionalen Beratungsstellen sowie Selbsthilfegruppen (Anonyme Alkoholiker, Blaues Kreuz u.v.w) .

Infodrog.ch Schweizerische Koordinations- und Fachstelle für Sucht des Bundesamtes für Gesundheit (BAG). Auch hier gibt es weiterführende Links zu den verschiedenen Beratungsstellen.


Nachgefragt bei Präventionsberater Stephan Koller

« Das Ziel muss nicht unbedingt ein totaler Entzug sein »

Stephan Koller
ist Präventionsberater und Fachexperte im Bereich Prävention von problematischem Substanzmittelkonsum bei phs public health services in Bern.
public-health-services.ch

Herr Koller, ist die Pensionierung ein besonders gefährlicher Moment, um in eine mögliche Alkoholsucht zu fallen?
Stephan Koller: Die Pensionierung steht auf Platz 10 der Liste mit kritischen Lebensereignissen, die zu einer möglichen Sucht führen können. An erster Stelle steht der Tod des Lebenspartners oder der Lebenspartnerin, an zweiter Stelle eine Scheidung.

Beim Lesen des Beitrags entsteht der Eindruck, der Hausarzt von Hans-Peter Metzler konfrontiere diesen nicht gezielt mit seinem Alkoholkonsum. Entspricht diese Zurückhaltung Ihrem Erfahrungswert?
Es gibt tatsächlich Situationen, in denen das genau wie beschrieben vor sich geht. Meine Erfahrung ist durchaus, dass Ärzte sich zum Teil nicht informieren oder keine Kenntnis der Website «Alter und Sucht» haben, auf welcher für jede Zielgruppe die entsprechenden Informationen bereitgestellt werden. In der Regel sind aber Hausärzte eine wichtige Anlaufstelle für die Früherkennung und Frühintervention eines risikoreichen Konsums.

Spielt auch die Furcht des Arztes eine Rolle, mit seiner möglichen Konfrontation die Situation des Süchtigen noch schlimmer zu machen?
Das sicher auch, ja. Und vielleicht auch seine Erfahrung, in der Vergangenheit schon oft bei Menschen in ähnlichen Situationen erfolglos interveniert zu haben. Ich kann verstehen, dass man dem mit der Zeit aus dem Weg gehen will, aber unter dem Strich nimmt ein Arzt in diesem Fall seine ethische Verantwortung nicht mehr wahr. Das Mindeste, was er immer tun sollte, ist, den Patienten auf den Alkoholkonsum anzusprechen. Glücklicherweise machen das natürlich auch viele Ärzte so.

Weshalb werden Alkoholkranken oft Beruhigungsmittel wie Temesta verschrieben?
Für Alkoholiker ist Einschlafen meist kein Problem, aber das Durchschlafen fällt schwer. Trinken ist mit sehr viel Scham behaftet, der Trinker weiss ja um seine Sucht, und in der Nacht kommt dann oft das Grübeln. Solche starken Beruhigungsmittel machen aber erstens ebenfalls abhängig und können zweitens in Kombination mit Alkohol gefährlich sein.

Was wäre Ihr Wunschvorgehen für eine Intervention bei einer älteren, alkoholkranken Person?
Der optimale Ablauf wäre, dass das ganze Familiensystem und der Arzt zusammenkommen und sich austauschen, gemeinsam mit der süchtigen Person natürlich. Der Arzt soll die Familie mit Informationen über die verschiedenen Möglichkeiten eindecken. Das Ziel muss nicht unbedingt ein totaler Entzug sein, aber der Konsum soll kontrolliert werden. Das ist anstrengend und energieraubend, aber es ist der beste Weg.

Was können Angehörige tun, wenn ihre alkoholkranken Familienmitglieder sich der Sucht nicht stellen wollen?
In erster Line sollen Angehörige in diesem Fall auch für sich schauen. Sie können Hilfe für sich selbst in Anspruch nehmen, unabhängig von der süchtigen Person. Alle Beratungsstellen bieten ja auch Hilfe für Angehörige an. Wichtig ist auch hier, diesen Schritt dem Süchtigen mitzuteilen.

Sie meinen, man sollte diesen mit der Tatsache bestrafen, dass er einen dazu zwingt, Hilfe anzunehmen?
Es geht um eine Konfrontation, nicht um Bestrafung. Die Irritation kann beim Betroffenen auslösen, dass er ebenfalls ein Unterstützungsangebot in Anspruch nimmt. Die Konfrontation sollte mit der notwendigen Sensibilität erfolgen. Statt ihn einen Säufer zu schimpfen, soll man sagen: «Mir macht es Angst, wie viel zu trinkst» oder: «Was kann ich tun, damit es dir besser geht?»

«Entweder der Suchtkranke verändert sein Verhalten oder sein Umfeld nimmt strukturelle Änderungen vor, zum Beispiel, indem es die Kinder nicht mehr in seine Nähe lässt.»

Und welche Möglichkeiten bleiben Eltern von Kindern, deren Grosseltern sich uneinsichtig zeigen, die Kinder aber gern sehen oder hüten würden?
Unterm Strich gibt es in diesem Fall nur zwei Möglichkeiten: Entweder der Suchtkranke verändert sein Verhalten oder sein Umfeld nimmt strukturelle Änderungen vor, zum Beispiel, indem es die Kinder nicht mehr in seine Nähe lässt, was wiederum mit der notwendigen Kommunikation einhergehen sollte.

Wie erklärt man jüngeren Kindern die Alkoholsucht ihrer Grosseltern?
Kleinen Kindern am besten gar nicht, man überfordert sie nur damit. Kinder checken von alleine, dass Grosspapi ein Problem hat, sie wissen einfach nicht, wieso. Wenn ein Kind zum Grossvater sagt: «Du stinkst», wie es das Enkelkind von Hans-Peter Metzler tat, dann kann selbst das eine kleinste Verhaltens-Veränderung oder Erkenntnis im Süchtigen hervorrufen. Im Allgemeinen sollten aber Spannungen thematisiert werden, und das im Rahmen der Möglichkeiten der Eltern, die ja selber von der Abhängigkeit ihres Vaters betroffen sind.

Was wünschen Sie einem Patienten wie Hans-Peter Metzler?
Ich würde mir wünschen, dass er gezielter konfrontiert wird und dass vor allem auch nachgefragt wird. Man sollte nach dem Auslöser fragen – «weshalb trinkst du so viel?» − statt hinter seinem Rücken über ihn zu reden und zu mutmassen. Ich bin überzeugt, es hilft nur Offenheit und Ehrlichkeit. Und es braucht mehrere Anläufe. •


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