Unsere Autorin hat im Juni 2020 – während Corona – ihr erstes Kind zur Welt gebracht. Das war nicht einfach, auch für ihre Eltern. Ein Erfahrungsbericht und ein Interview mit Hebamme Carole ­Lüscher zum Thema.

Von Maja Zivadinovic (Text)

Es ist kurz vor 10 Uhr an diesem 6. Juni 2020, als mein Freund mein Köfferli und mich vor dem Unispital Zürich ablädt. Wir sind hier, weil die Geburt unseres Sohnes aufgrund meiner Schwangerschaftsdiabetes eingeleitet werden muss. Das Prozedere, so sagt mir die Ärztin im Vorfeld, könne sich über mehrere Tage hinziehen. Jede reagiere anders auf die wehenauslösenden Medikamente. Als nicht sehr geduldiger, dafür ziemlich ängstlicher Mensch würde es mir enorm helfen, wenn mein Freund während der Geburtseinleitung an meiner Seite wäre. Lange waren wir optimistisch, dass das klappen würde. Die erste Corona-Welle ist abgeklungen, die Infektionszahlen sind zeitweise nur einstellig, der Lockdown ist behoben. Das Unispital bleibt dennoch streng. Als absolute Vorsichtsmassnahme dürfen Väter erst in den Kreissaal, wenn die Geburt weit fortgeschritten ist. Und ist das Kind mal da, werden sie nach zwei Stunden höflich hinauseskortiert. Im Wochenbett, wo unser Sohn Juri und ich später fünf Nächte verbringen, darf uns mein Freund als Einziger einmal besuchen. Und das auch nur für eine Stunde.

Ich schaffe es an diesem sonnigen 6. Juni jedenfalls gerade mal bis zum Empfang der Geburtenabteilung. Dann breche ich in Tränen aus. So einsam habe ich mich schon lange nicht mehr gefühlt. «Jede weint», tröstet mich die diensthabende Hebamme. Die Hebamme, eine Frau um die 50, begleitet mich in ein schönes Zimmer. Die Wände sind bunt, das Bett riesig, es riecht nicht ganz so steril. Dennoch fällt es mir schwer, alleine auf Wehen zu warten. Zum Glück ist wenig los, die Hebamme nimmt sich meiner Sorgen und Ängste an. Sie hilft mir sehr dabei, mich beim Alleinsein nicht so alleine zu fühlen.
Nachdem mir die ersten zwei Tabletten verabreicht sind, passiert genau nichts. Da sei nicht schlimm, manchmal daure es halt eine Weile, bis es losgehe mit den Wehen. Mit meinem Freund bin ich ständig in Kontakt. Dieser informiert unsere Familien mittels Whatsapp-Gruppenchat über den Stand der Dinge. Erst gegen Abend schlagen die Tabletten langsam an. Noch sind die Schmerzen gut aushaltbar. Schnell werden sie aber stärker. Ich wünsche mir, dass mein Freund dazukommen darf. Unmöglich, sagt die Hebamme. Von Geburtswehen sei ich noch weit entfernt. Bei mir kullern erneut die Tränen.
Dann kommts noch fieser: Weil gerade viele Spontangebärende die Kreissäle besetzen, wird das Prozedere unterbrochen. Die Hebammen verlegen mich auf die normale Station. Ich soll schlafen, wir machen morgen weiter. Die Situation ist so zermürbend, dass ich jetzt nebst meines Freundes auch mein Mami brauche. Am Telefon redet sie mir gut zu. Ich würde das alles schaffen. Ich sei mutig, stark, tapfer. Und sie und mein Vater wahnsinnig stolz. Im Nachhinein gesteht meine Mutter, dass ihr das Telefonat das Herz gebrochen habe. «Noch nie waren Freud und Leid so nah beieinander», sagt sie auch drei Monate nach Juris Geburt. «Ich konnte es kaum erwarten, den Enkel endlich kennenzulernen. Es hat mich aber so beelendet, dass du alleine im Spital warst. Du, das jüngste meiner Kinder. Trotz deiner 40 Jahre bist und wirst du für immer gefühlt mein Baby sein.»

Wie sehr meine Mutter mitgelitten hat, habe ich nicht bemerkt. Sie hat es mir nicht gezeigt. In Krisensituationen ist meine Mutter ganz Mutter. Sie konzentriert sich gänzlich auf das Problem, macht Mut und stellt ihre Gefühle hintenan. Erst nachdem wir auflegen, finde ich in den Schlaf. Am nächsten Morgen geht das Prozedere weiter. Wieder Medikamente, wieder Warten, wieder nur Videotelefonie mit meinem Freund. Den ganzen Tag lang passiert wenig bis nichts. Ich könnte spazieren. Oder mir zumindest einen Kaffee in der Cafeteria holen. Aufgrund Corona und der Hygienemassnahmen darf ich die Station aber nicht verlassen.

Es ist kurz nach 19 Uhr, als die Fruchtblase endlich platzt! Dann gehts auch los mit den richtigen Wehen. Nun darf mein Freund dazukommen. Wir sind sicher, dass wir unseren Buben schon bald in die Arme schliessen können. Dann hören die Wehen aber einfach wieder auf. «Das kanns geben», sagt die Hebamme. Mein Frust ist gross. Wahrscheinlich wird jetzt mein Freund nach Hause geschickt. Ich bin jetzt an einem Punkt, an dem ich nicht mehr mag. «Weisst du, sagt meine Mutter im Nachhinein, «das empfand ich als den schlimmsten Zeitpunkt. Du mühst dich ewig ab und wirst dann auf Feld null zurückgeworfen.» Sie habe sich Sorgen gemacht, konnte nicht schlafen, nicht essen, nicht mal zur Beruhigung ein Bier trinken. Der Einzige, der ihr helfen konnte, war mein Papa, der ruhige Part unserer Familie. «Ich habe mir nie Sorgen gemacht», sagt er. Es habe ihm natürlich leid getan, dass ich alleine war. «Ich wusste aber, dass du das kannst. Dass du das schaffst, dass du funktionierst und für dich einstehst.»

Nach über 48 Stunden im Spital und einem Muttermund, der gerade mal einen Zentimeter offen ist, entscheiden sich mein Freund und ich tatsächlich für einen Kaiserschnitt. «Ab diesem Moment siegte die Freude über meine Sorgen», sagt meine Mutter. «Da war ein Ende in Sicht und dein Freund an deiner Seite. Ich wusste, dass du in den besten Händen bist.»
Unser Sohn erblickt am Montag, dem 8.6., um 16.53 Uhr das Licht der Welt. Er ist 3380 Gramm schwer und 50 Zenti­meter gross. Der Eingriff geht ganz schnell. Wir müssen Masken tragen, als wir ihn das erste Mal ganz nah halten dürfen. Die Grosseltern, Tanten und Cousins und Cousinen sehen unser Baby die erste Zeit nur auf dem Handybildschirm. «Das war sehr hart», sagen meine Eltern unisono. Juri ist dann auch ­bereits zwei Wochen alt, als er seine Grosseltern zum ersten Mal real trifft. «Das Gefühl, den Jungen endlich im Arm zu halten, ist unbezahlbar, schon fast magisch», sind sich Oma und Opa einig.

Heute sind die Strapazen der Corona-Geburt vergessen. Was geblieben ist, ist ein handgeschriebener Brief meiner Eltern, den sie mir ins Spital geschickt haben und in dem steht, wie stolz sie auf Juri und mich sind. Das Schreiben werde ich aufheben. Und zwar in der Schublade, in der ich wichtige Dinge aufbewahre, die ich irgendwann Juri schenken werde.•


Nachgefragt bei der Hebamme Carole Lüscher von 9punkt9.ch

Frau Lüscher, gebären während Corona – das ist mit Einschränkungen verbunden. Zum Beispiel jener, dass in Spitälern der Partner, wenn überhaupt, nur am Schluss dabei sein darf. Hat das Einfluss auf den Geburtsverlauf?
Carole Lüscher: Die Verunsicherung bei allen Beteiligten war gross, bei Eltern wie auch bei Fachpersonen. Bei uns im Kanton Bern gab es glücklicherweise in keiner Geburtsklinik Einschränkungen für den Partner. Die Geburt ist ein zu bedeutsames Ereignis, als dass sich eine solch einschneidende Massnahme rechtfertigen liesse.

Gab es im Kanton Bern auch im Wochenbett keine Einschränkungen?
Doch, im Wochenbett sah es anders aus. Da galten an allen Orten grosse Einschränkungen. Die Väter konnten zwar stundenweise zu ihren Partnerinnen und dem Neugeborenen, die Geschwister, Grosseltern oder Freunde jedoch nicht. Dies führte dazu, dass die Frauen früher nach Hause kamen.

Wie erleben Sie die aktuelle Situation als Hebamme?
Es hat sich etwas beruhigt, da wir uns nun an die neuen Bedingungen gewöhnen konnten. Unser Schutzkonzept, welches nicht nur den Schutz der Familien, sondern auch den der Hebammen vorsieht, hat sich sehr bewährt. Während des Lockdowns haben wir versucht, so vieles wie möglich auf Telefon und Skype umzustellen. Wir hatten nur kurze Kontakte für Untersuchungen oder medizinische Massnahmen.

Reichte das aus, um Wöchnerinnen umfassend genug zu versorgen?
Nein. Wir haben schnell gemerkt, dass zwar vieles möglich ist, aber eben nicht alles. Im frühen Wochenbett muss eine Hebamme einfach präsent sein. Nach dem 27. April konnten wir wieder auf einen eingeschränkten Praxisbetrieb umstellen, was eine Erleichterung war.

Gerade während des Lockdowns konnten Grosseltern das Baby erst nach mehreren Wochen zum ersten Mal halten.
Mittlerweile merke ich, dass die Familien sich trauen, eigene Entscheidungen zu treffen. Während des Lockdowns ging es darum, vulnerable Gruppen zu schützen und vor allem das Gesundheitswesen nicht zu überlasten. Das sind zwei ganz unterschiedliche Ziele. Grosseltern wurden ja nicht gefragt, ob sie überhaupt geschützt werden wollen. Die Situation hat sich dahingehend verändert, dass wir wieder selbstbestimmt sind und Grosseltern gemeinsam mit ihren Kindern einen Weg finden können, wie sie mit möglichen Risiken und deren Folgen umgehen wollen.

Was empfehlen Sie ungeduldigen Grosseltern, die aus gesundheitlichen Gründen Abstand zu ihren Familien halten müssen?
Dass sie mit ihren Kindern zusammensitzen und gemeinsam Lösungen suchen. Was sind die verschiedenen Bedürfnisse? Und wie können sie befriedigt werden? Oft hilft es schon, den Konflikt auszusprechen, dass man einerseits sehr gerne möchte, jedoch Angst um seine Gesundheit hat. Manchmal haben auch die jungen Eltern mehr Angst um die Grosseltern als diese selbst. Es könnten Abmachungen getroffen werden wie zum Beispiel, dass man sich im Freien trifft oder Masken trägt, Medien wie Whatsapp-Call oder Skype nutzt.

Besteht für Neugeborene eigentlich auch eine Gefahr bei Ansteckungen?
Man weiss heute, dass Ungeborene und Neugeborene zwar mit dem Coronavirus angesteckt werden können, jedoch sehr wenige bis keine Komplikationen haben. Daher ist dieses Risiko sehr klein. Allerdings gibt es andere Viren, wie beispielsweise das RS-Virus, das für Erwachsene ein harmloses Schnupfenvirus ist, für Kinder im ersten Lebensjahr jedoch sehr happig sein kann. Deswegen sollten junge Eltern zu erkälteten Personen nicht nur in Coronazeiten, sondern auch sonst Abstand halten. Der Nestschutz der Schwangerschaft und durch das Stillen schützt das Baby vor vielen Infekten, jedoch nicht vor allen.

Gibt es zurzeit mehr Hausgeburten wegen Corona?
Nein, nicht wirklich. Wir hatten ein paar Anfragen aufgrund von Corona, von den Anfragenden hat aber schliesslich nur eine Frau zu Hause geboren. Sich allein wegen der Angst vor Corona für eine Hausgeburt zu entscheiden, erachte ich als keine gute Motivation. •