Von Rückenschmerzen zum Burn-out, von Arbeitsunfällen zu Hörschäden: Der Hausarzt ist oft mit Arztzeugnissen beschäftigt.
Damit stellt er sich häufig bewusst vor seine Patienten.

von Edy Riesen (Text)

Ein Akkordbauarbeiter stemmt beim Mauern bis zu neun (9!) Tonnen Steine pro Tag. Da sitzt der feingliedrige Hausarzt gegenüber einem Brocken von Mann und denkt sich, dass er das nie könnte. Keine Stunde würde er durchhalten. Jetzt aufpassen! Empathie ist immer richtig, genau hinhören aber ebenso. Das Problem des Arbeiters in diesem Fall steckt hinter der Fassade. Er hat zwar Verspannungen im Nacken. Aber dass seine Frau an einer schweren Depression erkrankt ist, wiegt schwerer. Eigentlich müsste er zu Hause mehr zum Rechten schauen können. Er möchte ein Time-out wegen der «Nackenschmerzen». Was soll der Hausarzt tun? Es ist verständlich, wenn er ein «Entlastungszeugnis» schreibt für eine Woche und den Mann noch einmal für ein Gespräch einbestellt. Was aber nicht geht, ist wochenlang falsche Zeugnisse auszustellen. Wichtiger scheint dem Hausarzt hier – natürlich mit Einverständnis des Patienten, Kontakt mit dem Arbeitgeber aufzunehmen. In diesem Fall ist das kein grosses Problem, da der Hausarzt den Inhaber des Baugeschäftes persönlich kennt. Er erreicht, dass der Maurer sein Wochenpensum auf Zusehen auf 60 Prozent reduzieren kann.

Die über fünfzigjährige Fabrikarbeiterin hat schon lange Beschwerden in den Gelenken und will immer wieder krankgeschrieben werden. Sie leidet unter der monotonen Arbeit am Fliessband und beschwert sich auf unschöne Weise über ihre ausländischen Mitarbeiterinnen. Der Arzt fordert Hilfe an, da er nicht mehr klar trennen kann zwischen seinem Unmut gegenüber der Frau und den tatsächlichen medizinischen Fakten. Er schickt sie zu einem Rheumatologen und später ins psychologische Ambulatorium. Heraus kommen eine depressive Verstimmung und ein Weichteilrheumatismus. Man schlägt eine vorübergehende Arbeitsunfähigkeit vor, dann einen langsamen Aufbau der Belastung über Monate, mit begleitender Physio­therapie, Medikamenten als Reserve und regelmässigen haus­ärztlichen Gesprächen. Damit kann die Patientin noch ein paar Jahre im Betrieb durchstehen. Dem Arzt fällt es jetzt leichter, mit der Patientin zu reden und sie zu akzeptieren, so wie sie ist. Die sauberen Diagnosen bieten eine Basis. Die Patientin wird zugänglicher und kann sogar wieder lachen. Eines Tages berichtet sie, dass ihre kosovarische Kollegin fast eine Art Freundin geworden sei. Das ist für den Hausarzt einer dieser Momente, in denen er denkt, dass sich die Geduld lohnt und dass man den Menschen immer wieder eine Chance geben muss.

Oft müssen Hausärzte sich vor die Patienten stellen. Versicherungsärzte vertreten ihre Firma, Hausärzte aber sind für die Patientinnen da. Dabei hören sie den Vorwurf, dass sie die Situation auch vonseiten der Versicherung her betrachten sollten. Vor allem die Invalidenversicherung nimmt hausärztliche Zeugnisse kaum mehr zur Kenntnis. Selbst, wenn ein Mensch in der freien Arbeitswelt nicht mehr zu brauchen ist, beharren die Kollegen Gutachter darauf, dass die Leiden keinen Krankheitswerten entsprechen. Immer wieder fordern die Hausärzte darum die Beobachtung durch Fachleute am Arbeitsplatz. Das ist viel aussagekräftiger als medizinische Diagnosen! Oft denke ich, wie gut es einem der beurteilenden Kollegen tun würde, wenn er alle paar Jahre einige Tage in einem Betrieb arbeiten müsste. Ganz gleich wo: Küche, Baustelle, Fabrik, Verkehr.

Mein Vorwurf besteht darin, dass viele Ärzte und ­Ärztinnen keine Ahnung von der Härte der realen ­Arbeitswelt ­haben. Viel lieber klammern sie sich an medizinische ­Diagnosen und juristische Floskeln. Zum Schluss dies: Ich ­lehne Gefälligkeitszeugnisse entschieden ab, denn sie ­helfen auf die Länge niemandem. Das Gespräch mit dem ­Arbeitgeber kann viel klären (Einverständnis des Patienten ­vorausgesetzt). Saubere Diagnosen schaffen Klarheit und helfen allen Seiten. Über allem aber gehört der Hausarzt an die Seite des Patienten! Das begreifen viele Versicherungs­mediziner nicht. Wenn man einen anständigen Patienten zwanzig Jahre oder mehr begleiten darf, kann man das Ufer nicht mehr ­wechseln.

Edy Riesen (70) war als Hausarzt in Ziefen (BL) tätig. Er führte bis vor Kurzem eine Praxis mit seinem Schwiegersohn und ist
mehrfacher Grossvater.