Sophie will lieber ein ­Junge sein. Mit 16 wagt sie den Schritt und wird zu Noah. Mit einer Selbstsicherheit und Ungezwungenheit, die den ­Vater und den Grossvater ­beeindrucken.

Von Michèle Roten (Text) und Matthias Luggen (Fotos)

Noah malt gern Mandalas. Orange verbindet er mit positiver Kraft. Braun steht für ihn für das Männliche.
Für die Schwester war der Prozess am schwierigsten: Amélie und Sophie in den Urner Bergen.
«Keine Röckchen, kein Rosa!›» Noah als 10-jährige Sophie in den Herbstferien am Meer.

Am Eingang des Dorfes hängt vom Balkon eines Hauses eines der vielen in ländlichen Gemeinden verbreiteten Schilder, die die Geburt eines Babys verkünden: comic­artige Bilder mit dem Namen und dem Geburtsdatum des neuen Erdenbürgers. Dieses zeigt ein Baby, das einen frech und einzahnig angrinst, auf dem Kopf eine hellblaue, zur Seite gedrehte Schirmmütze: ein richtiger kleiner Racker. Menschen, die solche Schilder herstellen, sind selten die Speerspitze einer nichtbinären Weltsicht; keine Frage, dass dieses Baby einen Jungen darstellen soll. Doch der Name, in dicken schwarzen Grossbuchstaben darunter verewigt: «Aleksa». Ein Hä-Moment wie zur Einstimmung auf das Thema.
Hätte Christoph vor 19 Jahren der Welt mit einem Schild mitteilen wollen, dass sein erstes Kind geboren wurde, hätte er vielleicht ein Baby mit rosa Schleife in der einen Locke mitten auf dem Kopf gewählt, darunter der Name «Sophie». Dass Sophie schon im Alter von etwa drei Jahren damit begann, typische Mädchenkleider abzulehnen, nahmen die Eltern zwar zur Kenntnis – aber sie waren mehr damit beschäftigt, herauszufinden, was mit Sophies Entwicklung los ist. Sie machte sprachlich und motorisch nur zögerlich Fortschritte, hatte bald Lerndefizite. Der Grund für die Entwicklungsverzögerung war unklar und liess sich auch nie abschliessend feststellen. Jedenfalls gab es immer genug zu tun und zu sorgen rund um Sophie, so dass ihre zunehmende Abneigung gegenüber ihrem Geschlecht das kleinste der «Probleme» war. Aus heiterem Himmel kam es also nicht, als Sophie mit etwa 16 beschloss, dass sie von nun an Noah ist. Auch Noahs Grossvater Kurt war nicht schockiert: «Unerwartet kam es schon – ich kenne schliesslich niemanden sonst, der transgender ist –, aber nicht überraschend. Man hat immer gemerkt, dass Sophie anders ist: sehr interessiert und interessant. Aber sie war schon als kleines Kind eher ein Junge.»

Noah ist in vielerlei Hinsicht

typisch und in noch mehr Belangen

ganz und gar atypisch.


«Woher allerdings diese radikale Ablehnung seiner Weiblichkeit kommt, ist mir bis heute nicht ganz klar», sagt Noahs Vater Christoph. «Ich habe immer wieder das Gefühl, dass es ihm wichtiger ist, keine Frau zu sein, als ein Mann zu werden.» Sicher sei aber, dass er in wichtigen Phasen seines Lebens ein paar – gerade für jemanden mit seiner Konstitution – schwierige Menschen um sich hatte, die zufällig Frauen waren. Dass Noah also seine Schwierigkeiten mit diesen Personen mit dem geteilten biologischen Geschlecht verband und dieses in Folge ablehnte? Christoph zuckt die Schultern: «Das ist letztlich Spekulation. Ich bin kein Psychologe.» Man merkt, dass Christoph schon ein paar Jahre auf dem schmalen Grat wandelt zwischen modernem Vater, der seinem Kind auf Augenhöhe begegnet und es ernst nimmt, und Ur-Vater, der sich einfach nur wünscht, dass dem Kind im Leben so wenig Widrigkeiten wie möglich begegnen sollen. «Man macht sich halt Sorgen: Welche Probleme kommen auf ihn zu? Wie werden die Leute reagieren? Was ist, wenn er eine Entscheidung trifft und sie nachher bereut?»
Aber für Noah sei es völlig klar: Er ist ein Mann, schon immer gewesen. «Das Thema wurde mit der Pubertät ziemlich plötzlich ziemlich gross. Vor allem, was den Körper betrifft. Er hasst seine weiblichen Rundungen, die Brüste, das Becken, in die Badewanne geht er immer mit Badehosen», erzählt Christoph. Noah begann sich selbstständig zu informieren, und schliesslich vereinbarten sie einen Termin bei der Psychiaterin Dagmar Pauli an der Universitätsklinik Zürich, eine Schweizer Koryphäe in Transgenderthemen. Schon nach wenigen Terminen bei einer von Paulis Mitarbeiterinnen war zweierlei klar: Noah war sich seiner Sache, was das Geschlecht angeht, sehr sicher, und er bewegt sich im Autismus-Spektrum. Diagnose: atypischer Autismus, Asperger-Syndrom. «Das erklärte zwar nicht alles, aber einiges. Ausserdem weisen Jugendliche mit Geschlechts-Dysphorie offenbar öfters eine Autismus-Spektrum-Störung auf. Warum, weiss man nicht», sagt Christoph.
Noah ist also in vielerlei Hinsicht typisch und in noch mehr Belangen ganz und gar atypisch. Besonders überraschend ist wohl, dass er keinerlei Leidensdruck verspürt durch seine Trans-Identität. Das erzählen schon Vater Christoph und Grossvater Kurt, während wir auf Noah warten (er hat Verspätung wegen eines platten Reifens an seinem Velo), und das wird richtig klar, als dieser etwas ausser Atem in die Wohnung kommt. Noah ist ein feingliedriger Jugendlicher, Hose auf Halbmast, Jeanshemd unter dem blauen Strickpulli, verstrubbelte Kurzhaarfrisur und ein paar in Abheilung begriffene Hautunreinheiten. Er holt sich erst mal was zu trinken und setzt sich dann zu uns an den Tisch, sein Blick ist offen, sein Gesicht immer bereit zu lachen und es sprudelt gleich los: zuerst über sein Fachgebiet, Michael Jackson, dann wendet er sich der Frage zu, seit wann es für ihn klar gewesen ist, dass er keine Frau ist. «Schon immer. Ich glaube, deshalb habe ich angefangen zu sprechen: Um zu sagen ‹Keine Röckchen, kein Rosa!›».
Noahs Stimme ist hell wie die eines 12-Jährigen – logischerweise, weil er ja nie einen Stimmbruch hatte. Damals-Sophie hatte zwar Barbies, spielte aber nur mit den Kens, wollte Polizist oder Sanitäter werden, interessierte sich mehr für das, was die Jungs machten als für das «Mädchen-Zeug» – wobei Gleichaltrige schon damals und auch heute nicht wirklich sein Ding sind. «Ich verstehe mich besser mit Erwachsenen oder mit kleinen Kindern», sagt er. Und allen, die nicht «der Norm entsprechen» – Noah hat eine ausgeprägte soziale Ader und macht eine praktische Ausbildung als Behindertenbetreuer in der Institution Barbara Keller in Küsnacht.

Auch Grossvater Kurt rutscht ab
und zu noch ein «Sie» oder im ­Dialekt ein «Es» raus, trotzdem sei für ihn klar, dass das der
Noah sei, nicht mehr die Sophie.


Als er vor dieser Lehre am Heilpädagogischen Zentrum für Werkstufe und Berufsvorbereitung (HZWB) in Othmarsingen anfing, begann auch sein Leben als Noah: Dazu gehörte, dass er sich in allen sechs Bildungsgruppen seinen Mitschülern stellte und erklärte, er sei ab sofort nicht mehr Sophie, sondern Noah. «Das hat mich echt beeindruckt», sagt Christoph und schaut Noah an, «wie du das gemacht hast. Völlig ohne Probleme, total selbstbewusst.» «Ja, wenn ich will, dass mich die anderen Noah nennen, dann muss ich das halt kommunizieren», sagt Noah schulterzuckend. «Ausserdem waren alle total nett. Nur positive Reaktionen. Den meisten war es einfach egal. Einer, ein riesiger, supermännlicher Typ, kam in der Pause zu mir, haute mir mit seiner Pranke auf die Schulter und sagte: ‹Hallo Noah.› Das fand ich super, aber … aua.» Christoph lacht: «Willkommen in der Männerwelt.» Auch die Grosseltern wurden ohne grosses Tamtam informiert, Christoph und Kurt erinnern sich nicht mal mehr, wie das genau vonstattenging. Kurt zuckt die Schultern: «Noah ist mir so willkommen, wie Sophie es war. Das mit dem Namen musste ich mir halt angewöhnen, ich habe ihn mir darum in der Agenda notiert. So was dauert in meinem Alter ein bisschen länger», lacht er.
Mit der Namensänderung wurden die Haare kurz geschnitten und Boxershorts gekauft – und daran gearbeitet, das neue Pronomen zu benutzen. «Das ist gar nicht so einfach – man hatte ja 16 Jahre lang eine Tochter, eine sie, eine Sophie, und dann muss man sich umgewöhnen. Aber Noah hat uns immer konsequent korrigiert, wenn wir mal wieder danebengegriffen haben», grinst Christoph mit Blick zu Noah. Auch Grossvater Kurt rutscht ab und zu noch ein «Sie» oder im Dialekt ein «Es» raus, trotzdem sei für ihn klar, dass das der Noah sei, nicht mehr die Sophie.
Am schwierigsten war es für Noahs drei Jahre jüngere Schwester Amélie. Sie ist das Gegenteil von ihm: Schnell, sehr gut in der Schule, absolut unproblematisch. «Ein Selbstläufer», wie Christoph sagt. Vielleicht, vermutet er, hatte ihre anfängliche Verweigerung damit zu tun, dass Noah schon immer mehr Aufmerksamkeit bekommen hat – und kaum war er aus dem Gröbsten raus, kam dieses Thema. «Für einen typischen Teenager wie Amélie muss sich Noah wohl einfach wie eine völlig gestörte Schwester angefühlt haben.» Auch die Mutter, von der Christoph und Noah getrennt leben, benutzt bis heute noch ab und zu das weibliche Pronomen, aber Noah ist ihr nicht böse deswegen. Er hat sowieso, wie weiter oben schon angetönt, ein äusserst sonniges, positives Gemüt. Er redet gern von sich, hat keinerlei Tabuthemen oder wunde Punkte, betont aber auch immer wieder, dass er seine Geschichte total unspektakulär findet. «Ich glaube, mein Fall ist ein bisschen speziell. Viele Trans-Menschen haben Depressionen – das ist bei mir überhaupt nicht so. Ich liebe mein Leben! Ich schaue nicht besonders gern in den Spiegel, weil ich da die Missstände sehe, aber ansonsten finde ich mein Leben voll Schoggi.»

«Es geht mir wirklich nur um
den Körper, der Rest, das
bin eh einfach ich. Gefühle, Kraft, Charakter, das ist alles nicht männlich oder weiblich.»


Er ist halt einfach ein Junge, der blöderweise in einem Mädchenkörper geboren wurde. Vielleicht ist es dieser drama­freie Umgang, der das Outing so reibungslos machte. Auch für Christoph: «Komisch reagiert hat wirklich niemand. Alle, bis hin zu den Grosseltern», sagt er und blickt zu Kurt, der schulterzuckend nickt, «haben viel Verständnis dafür gehabt und es mehr oder weniger einfach zur Kenntnis genommen. Ich selber konnte seinen Wunsch sowieso verstehen, und ich mache auch kein Geheimnis darum – obwohl ich schon manchmal, wenn ich jemanden treffe, den ich schon lange nicht mehr gesehen habe und der fragt ‹Wie geht es Sophie?› einfach sage ‹gut›. Aber nur, weil ich nicht immer Lust habe, zwischen Tür und Angel die ganze Geschichte zu erzählen.» Und wie wurde der neue Name und die neue Identität des Enkelkinds im Freundeskreis des 88-jährigen Kurt aufgenommen? «Ganz ehrlich, ich habe es noch gar niemandem erzählt», sagt er erstaunt. «Aber nicht, weil ich mich schäme, sondern weil ich es einfach so normal finde, gar nicht erwähnenswert. Aber wenn mich jemand fragen würde, wäre meine Antwort positiv: Es ist gut und kommt gut.» Wie die Geschichte weitergehen wird: Ende Jahr möchte Noah mit der Hormontherapie starten – womit er bisher noch gewartet hat, Christoph zuliebe. «Er war noch nicht so weit», sagt er und tätschelt grinsend Christophs Arm. Aber dann, erzählt er strahlend, freut er sich auf die Gesichts- und Körperbehaarung und die Muskeln und die tiefere Stimme. Und in einem weiteren Schritt auf die Personenstandsänderung. Dann folgen wahrscheinlich irgendwann die Entfernung der Brust und die Phalloplastik. «Es geht mir wirklich nur um den Körper, der Rest, das bin eh einfach ich. Gefühle, Kraft, Charakter, das ist alles nicht männlich oder weiblich.»

«Das mit dem Namen musste ich mir halt angewöhnen, ich habe ihn mir darum in der Agenda notiert»: Grossvater Kurt und Noah.


«Das sehe ich gleich», sagt Christoph. «Und genau darum verstehe ich manchmal nicht, warum du ein Mann sein willst, weil die wirklich wichtigen Sachen sind doch eh geschlechtslos.» – «Es ist wirklich einfach der Körper, der sich, so wie er jetzt ist, falsch anfühlt.» – «Ich weiss ja.» Christoph wendet sich Noah zu. «Ich mache mir auch immer weniger Sorgen um dich. Du wirst das alles schon meistern, du bist hart im Nehmen, und du bist hartnäckig. Aber ich empfinde dich im Moment eher zwischen den Geschlechtern, und das passt für mich sehr gut so. Du bist der Noah. Ich sage eigentlich nie mehr Sophie, oder?» – «Nein, du machst es sehr gut», sagt Noah. «Und Grossvater auch. Ihr seid feinfühlige Männer. Ich glaube,
ihr habt relativ viel Östrogen». Und da lachen sie. •

Dieser Text erschien im Original im Buch «Der Sanitas Health Forecast», Sanitas (Hrsg.), Verlag Wörterseh 2020, 400 S., 18 Fr.
Die Autorin hat den Artikel für «Grosseltern» erweitert.