Anna Pieri Zuercher (41) wird im Oktober als neue Kommissarin im Schweizer Tatort zu sehen sein. Zuerchers Grosseltern kommen aus Italien und Bern. Die Schauspielerin erinnert sich an Gnocchi und Butterzopf, Kartentricks und Velofahren, an Klavierspiel und Sockenflicken.

Ein Lieblingsbild: Nonna Giuseppina und Nonno Alberto mit Omami beim Kartenspiel.

Von Anna Pieri Zuercher

Ich hatte das Glück, mit meinen vier Grosseltern aufzuwachsen. Ich nannte sie: Nonna Mimi, Nonno Baffo, Omami und Opapi. Allein die Erinnerung an ihre Spitznamen bringt mich zu meinen teils italienischen und teils Berner Wurzeln zurück. Es ist eine süsse oder besser gesagt verrückte Mischung aus traditionellen italienischen Liedern, Gnocchi alla Romana, Butter­zopf und Milchkaffee am Sonntagabend. Auf der italienischen Seite lernte ich Musik, die Freude an Aperitivi und Kartenspielen. Auf bernischer Seite erfuhr ich, dass meine Vorfahren (ebenfalls Italiener), die Pieri, Steinmetze, am Wiederaufbau des Münsterturms mitgewirkt hatten. Bei meinen Berner Grosseltern habe ich nähen und stricken gelernt, und sie haben mir die Liebe zum Detail beigebracht. Mit Opapi fuhr ich mit dem Fahrrad, während Nonno Baffo mich lehrte, wie man beim Kartenspiel betrügt. Nonna Mimi brachte mir das Klavierspielen bei und Omami zeigte mir, wie man Socken flickt.
Es ist dieser Mischung von Wurzeln, Sprache und Geschichten zu verdanken, dass ich zu der geworden bin, die ich heute bin. Meine Grossmutter mütterlicherseits, Nonna Mimi, wurde 96 Jahre alt, und sie war am längsten bei mir. Ich war immer beeindruckt von ihrer grossen Fähigkeit, sich an neue Situationen anzupassen. Sie wuchs in Mailand auf, wo sie Klavier studierte. Vor dem Krieg begleitete sie Opernsängerinnen und -sänger an der Mailänder Scala am Klavier, arbeitete auch als Musikerin im Rundfunk, leitete Kinderprogramme und machte Soundeffekte. Aber wegen des Krieges mussten sie und mein Grossvater Mailand verlassen und suchten Zuflucht in der Schweiz, wo sie noch einmal ganz von vorne anfingen. Trotz ihrer Entwurzelung hatte meine Grossmutter eine unbegrenzte Fähigkeit, in dem, was sie tat, einen Sinn zu finden. Sie war auch immer rigoros in den Dingen, die sie unternahm. In der Schweiz begann sie mit dem Klavierunterricht, sie war meine erste Lehrerin. Und dann hatte sie diesen Sinn für Humor, als Rettungsanker, als eine Möglichkeit, sich mit der Welt zu versöhnen. Als sie im Alter von 90 Jahren in ein Altersheim zog, bat sie darum, ein Klavier in ihrem Zimmer zu haben. Ich weiss nicht, wie sie das geschafft hat, aber nach einigen Monaten gründete sie einen Chor für die Krankenschwestern, und der Hausmeister kam einmal pro Woche, um bei ihr Gesangsunterricht zu nehmen. Er habe eine schöne Tenorstimme, sagte sie.
Abschliessend muss ich sagen, dass mir dieses Bild sehr lieb ist, auf dem drei meiner Grosseltern zusammen sind und Karten spielen, mit ihren unterschiedlichen Hintergründen und Ursprüngen, Und ich bin unendlich stolz, von jedem ein kleines Stück in mir zu tragen. •


Anna Pieri Zuercher (41) bildet zusammen mit Carol Schuler das neue Ermittlerduo des Schweizer Tatorts. Der erste Krimi mit den beiden Frauen
in den Hauptrollen wird am 18. Oktober auf SRF ausgestrahlt. Anna Pieri Zuercher ist in Bern als Tochter einer italienischen Mutter und eines schweizerisch-deutschen Vaters aufgewachsen. Sie hat Klavier und Schauspiel studiert und stand unter anderem in Paris, Lausanne und Genf auf der Bühne. Für ihre Rolle in der Fernsehserie «Doppelleben» wurde sie 2019 mit dem Schweizer Fernsehfilmpreis ausgezeichnet.
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