Ferdinand Gonseth war blind, studierte bei Albert Einstein und zählte zu den grössten Wissenschaftsphilosophen seiner Zeit. Sein Enkel Stephan Klapproth hat von ihm unter anderem gelernt, dass man lange leben kann, ohne alt zu werden.

Die obere Wohnung war eine andere Welt. Perserteppiche und purpurne Plüschkissen verbreiteten einen Hauch Grossbürgertum. Mein Lieblingsmöbel nannte sich feierlich Chaise longue. Der unteren Wohnung im Zweifamilienhaus in Horw am Waldrand hatten wir fünf Kinder mit unserer ländlichen Wildheit und den Farbstiften, die keine Tapete respektierten, so zugesetzt, dass sie selbst kleinbürgerliche Standards deutlich unterschritt. Alles an Grandpapa hingegen, der uns das Haus am Waldrand gekauft hatte, atmete den Duft einer fremden, edlen und verlockenden Welt.

Dabei stammte er, der zusammen mit Grandmaman zweimal im Jahr ein paar Wochen bei uns lebte, aus einer armen Uhrmacherfamilie im Jura. Und wäre wohl selbst Uhrmacher geworden, hätte sich nach einem Unfall auf dem Fussb allplatz nicht die Netzhaut gelöst und eine zunehmende Erblindung eingesetzt. Wir hörten die Story stets aufs Neue mit Schaudern und Bewunderung: Wie Grandpapa mit 17 ein Jahr lang sein verdunkeltes Zimmer nicht verlassen durfte, wie der Dorfpfarrer ihm täglich den Schulstoff vorlas und wie sie dem abwesenden Schüler zum Schluss die Matura schenkten, weil er ohne eine Notiz von der Mathi bis zur Literatur alles spielend in seinen Kopf gebracht hatte.

Das Genie im eigenen Haus (sagte ich schon, dass er bei Einstein studiert hat?) war nie unnahbar oder herablassend. Nein, mit charmanter Geduld erklärte er uns Kindern das Zwillingsparadox aus Einsteins Relativitätstheorie, und selbst wenn ich’s nur plus ou moins verstand, war ich stolz auf meinen Grossvater, der in sanft französisch angehauchtem Hochdeutsch alles erklären konnte, was es auf der Welt zu wissen gab (und der, wie ich später erst realisierte, zu den weltweit grössten Wissenschaftsphilosophen seiner Zeit zählte).

Noch besser als die Chaise longue waren in seiner Wohnung nur die wuchtigen Tonbandgeräte, in die er wegen der Sehschwäche all seine Bücher diktierte. Einen dieser Apparate (den mit den farbigen Knöpfen) durfte ich in seiner Abwesenheit (mit Sorgfalt) benutzen und habe darauf erste Versuche getätigt, ernst wie ein Nachrichtensprecher zu tönen.

Danke, Grandpapa, für die Kindheit am Waldrand, die Schnupperlehre am Tonband, vor allem aber für die Erkenntnis, dass man lang leben kann, ohne alt zu werden. Ferdinand Gonseth wurde 85, und stets dachte ich, wenn er in jeder Erwachsenentischrunde der wachste, der schnellste und weiseste Debattierer blieb: Es gibt einen Trick, ewig jung zu bleiben. Viel denken genügt.

STEPHAN KLAPPROTH

Der Politikwissenschaftler Stephan Klapproth war Moderator der Sendungen «10 vor 10» und «Sternstunde Philosophie» am Schweizer Fernsehen. Heute ist er als Publizistikdozent und als unabhängiger Kommunikator tätig.