Die Angst vor neuen Medien ist alt

Seit fünfzig Jahren läuft die Sesamstrasse erfolgreich am Bildschirm. Ihre Geschichte zeigt: Jedes neue Medium weckt nicht nur Ängste sondern auch Hoffnungen.

Von Ümit Yoker (Text) und Irene Meier (Illustrationen)

Kein Kinderprogramm läuft länger am Fernsehen, keines hat mehr Preise eingeheimst, keines mehr wissenschaftliche Studien hervorgebracht als: die Sesamstrasse. Sie wird in Indien (Galli Galli Sim Sim) ebenso gesehen wie in Tansania (Kilimani Sesame), in Israel (Sippuray Sumsum) wie im Kosovo (Rruga Sesam). Mehr als hundertfünfzig Millionen Kinder rund um den Globus kennen die Geschichten von Ernie, Bert und Krümelmonster.

Pädagogikwissen und Werbeästhetik
Als im November 1969 in den Vereinigten Staaten die allererste Folge der Sesamstrasse ausgestrahlt wurde, hatte das neue Fernsehprogramm ein klares Ziel: Es sollte Vorschulkinder aus benachteiligten Familien mit Zahlen und Buchstaben vertraut machen. Sie sollten die Schulzeit ebenso gut vorbereitet antreten können wie ihre Gspänli aus der Mittelschicht.
Die Sesamstrasse war damals radikal anders, auch wenn das heute nicht mehr so auffällt: Die kurzen Sequenzen des Programms, die schnellen Schnitte, das Sammelsurium aus Trickfilmfiguren, realen Menschen und pelzigen Monsterpuppen. All das erinnerte mehr an Reklamespots als an herkömmliches Kinderfernsehen. Das war kein Zufall: Die Sesamstrasse-Erfinderin Joan Ganz Cooney hatte die Wirkung des Fernsehens auf Kinder im Vorschulalter untersucht und festgestellt: Am liebsten sehen die Kleinen sich Werbeblöcke an, und sie merken sich erstaunlich viel daraus. Neu war damals auch, dass sich Experten aus diversen Gebieten an der Entwicklung einer Kindersendung beteiligten: Fernsehproduzenten und Entwicklungspsychologen, Pädagogen, Medienwissenschaftler – und der grosse Puppenbauer Jim Henson.

Alphabet oder Autonomie?
Die Sesamstrasse unterschied sich von anderen Kindersendungen in den USA auch dadurch, dass sie nicht kommerziell ausgerichtet war und deshalb ohne Werbeunterbrechung und Quotenwettbewerb auskam. Ein Finanzierungsmodell brauchte das Programm trotzdem; früh war klar, dass die Sendung auch in andere Länder exportiert werden sollte. Trotz ihrer amerikanischen Wurzeln verstand sich die Sesamstrasse im Kern als kulturübergreifend, mit einem universellen Anliegen: Welchem Kind wäre nicht damit gedient, dass es Buchstabieren und Zählen lernte?
Doch so einfach war es nicht, wie die dänische Medienhistorikerin Helle Strandgaard Jensen in einer Arbeit zu den Anfängen der Sesamstrasse in Europa schreibt. Wie so vieles, was aus Amerika kam, wurde auch die Sesamstrasse mit einer Mischung aus Begeisterung, Faszination und herablassender Skepsis empfangen. Zudem fragte man sich: Machte dieses hektische Format nicht ganz kirre? Wollten die Amerikaner den jungen Zuschauern nicht einfach ihre Krümelmonster-Kalender und Elmo-Schallplatten unterjubeln? Und obwohl man sich zu beiden Seiten des Atlantiks einig war, dass den Kleinen wenigstens pädagogisch Gehaltvolles geboten werden sollte, wenn sie nun allem Expertenrat zum Trotz auch schon vor der Kiste hockten: Die Vorstellungen, wie das Fernsehen seinen Beitrag an die kindliche Entwicklung leisten könnte, fielen recht unterschiedlich aus.
In den Vereinigten Staaten war die Sesamstrasse eine Antwort auf das zunehmende Bewusstsein, wie weit Kinder aus wenig privilegierten Familien schulisch hinter anderen zurücklagen. Es war die Zeit der Bürgerrechtsbewegung und nationaler Programme zur Bekämpfung von Armut. Ein früherer und breiterer Zugang zu formaler Bildung, so die Hoffnung, würde der wachsenden Chancenungleichheit in der Gesellschaft entgegenwirken. Je eher Kinder an solche Lerninhalte herangeführt würden, und sei es via Flimmerkiste, desto grösser ihre Chance auf eine vielversprechende Schulzeit, auf ein erfolgreiches Leben als Erwachsene.
So viel Vertrauen brachten die Europäer dem etablierten Bildungssystem längst nicht mehr entgegen. Hier traf die Sesamstrasse auf eine Haltung, die ganz im Zeichen der hiesigen Achtundsechziger-Bewegung stand: Gutes Kinderfernsehen sollte keine Annäherung an die traditionelle Schule sei; eher schon sollte es zur kritischen Auseinandersetzung mit dieser befähigen. Kinder sollten ermutigt werden, Normen und Werte früherer Generationen zu hinterfragen. Gesellschaftlicher Fortschritt komme nicht zustande, so die Überzeugung, indem Dreijährige bis zwanzig zählen lernten. Sondern indem man Kindern vermittle, dass auch sie ihren Beitrag zu einem gerechteren Zusammenleben leisten können. Ein Programm wie die Sesamstrasse sollte deshalb in erster Linie soziale Fähigkeiten vermitteln, nicht kognitive Lerninhalte.
Deutschland gehörte damals zu den ersten europäischen Ländern, die die Sesamstrasse in ihr Fernsehprogramm aufnahmen, ganz zu Beginn im Original auf Englisch, dann synchronisiert. Früh aber zeichnete sich der Wunsch ab, das amerikanische Format um eigene, auf ein deutsches Publikum zugeschnittene Segmente zu ergänzen: eben, mehr Sozialkompetenz, weniger Buchstabenfolgen. 1973 ging die erste Koproduktion auf Sendung. Bis heute besteht die Sesamstrasse, mit der auch Schweizer Kinder aufwachsen, aus einem Mix aus synchronisierten Originalsequenzen und eigenen Geschichten und Charakteren. Figuren wie Wolle und Pferd etwa (deren Popularität vor einigen Jahren im Spin-off-Programm «Eine Möhre für zwei» mündete) hat die Muttergesellschaft Sesame Workshop in New York eigens für die deutsche Version entworfen.

Grosse Sorgen, grosses Hoffen
So einzigartig die Sesamstrasse in vielerlei Hinsicht ist, so sehr steht ihre Geschichte für die zwiespältigen Gefühle, die wir jedem neuen Medium entgegenbringen. Schon immer sorgten sich Erwachsene, wenn Kinder dem Sog einer bisher unvertrauten Kommunikationsform erlagen. Ob Märchenbuch, Comicheft oder Hörspiel, ob Spielfilm, Videogame oder App – die anfänglichen Befürchtungen sind stets dieselben: Wird es der kindlichen Entwicklung schaden? Vermag das Kind noch zwischen Realität und Fiktion zu unterscheiden? Wird es das Interesse an anderen Aktivitäten verlieren, sich von seinen Freunden zurückziehen? Verkümmert seine Vorstellungskraft, seine Fantasie und Kreativität?
Zur grossen Sorge gesellen sich aber oft auch grosse Hoffnungen: Was könnte das neue Medium nur alles bewirken, wenn es dem Kind in durchdachter Form vorgelegt würde, wenn es das Richtige läse, hörte, schaute? Würde hier nicht die Gesellschaft an der Wurzel in eine neue Richtung gelenkt? Die Wissenschaftlerin Strandgaard Jensen hat untersucht, welche Debatten im Skandinavien der Fünfziger- und Siebzigerjahre über angemessene Kinderlektüre geführt wurden. Erziehungsfachleute hätten Enid Blyton damals ebenso zur Gefahr erklärt wie Superman, schreibt sie. Sogar die Unesco habe vor dem schädlichen Einfluss amerikanischer Superhelden gewarnt. Neben einer Homogenisierung westlicher Kultur und der Verbreitung kapitalistischen Gedankenguts fürchtete man, dass Superman und seine Kollegen mit ihren wenig demokratischen Lösungsansätzen den Glauben an den Wohlfahrtsstaat untergraben würden. Eltern, die den Nachwuchs Comics lesen liessen oder gar selber solche lasen, gefährdeten also nicht nur die Entwicklung ihres Kindes – sie schwächten auch das politische Fundament ihres Landes. Umso entscheidender war es, Kinder mit adäquater Lektüre vertraut zu machen. In den Siebzigerjahren dann war plötzlich nicht mehr nur suspekt, was sowieso schon als Trash galt, sondern auch das, was bisher unter guter Kinderliteratur lief: Zu moralisch, zu weltfremd, zu idealisierend seien solche Bücher; kein Wunder, dass Mädchen und Jungen auf Schund auswichen. Lesen sollte Kindern nun ermöglichen, die sozialen Probleme auf der Welt und bei sich zu Hause zu benennen und anzugehen. Alles eine Frage der richtigen Lektüre?
Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen: Das Buch, der Fernseher, das Smartphone, sie können Gutes tun und Schaden anrichten – aber beides üblicherweise nicht in dem Ausmass, in dem wir uns das vorstellen. Auch die Sesamstrasse hat in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder messbare Erfolge erzielt. Der Graben zwischen Arm und Reich ist in den Vereinigten Staaten in derselben Zeit trotzdem nicht kleiner, sondern im Gegenteil um ein Vielfaches grösser geworden.

Auszeit vom pädagogischen Goldstandard
Jede Generation lernt, mit den Medien ihrer Zeit umzugehen. Erwachsene können Kinder auf diesem Weg begleiten, sie können sie an neue Medienformen heranführen und einen guten Umgang damit zeigen. Smartphones und Tablets pauschal zu verbieten, hält die Medienpädagogin Eveline Hipeli für keine gute Idee. Wie schon das Radio und der Fernseher vor ihnen werden auch sie nicht so rasch wieder aus unserem Alltag verschwinden, egal, was wir von ihnen halten. Vielen Erwachsenen ist es zwar lieber, wenn ihre Enkel, Nichten und Töchter einer CD lauschen statt Spiele-Apps herunterladen. Das habe jedoch wenig damit zu tun, dass bestimmte Medienformen grundsätzlich besser wären als andere, sagt Hipeli, die an der Pädagogischen Hochschule Zürich lehrt. «Es gibt auch grottenschlechte Hörspiele.» Unsere Vorlieben hängen viel mehr mit den Medienerfahrungen der eigenen Kindheit zusammen. Wir vertrauen der Kasperli-Kasette, weil sie uns einst selbst gemütliche Regennachmittage auf der Couch beschert hat – auf eigene Minecraft-Erinnerungen können wir hingegen nicht zurückgreifen.
Das bedeutet aber auch: Was die Kinder selbst an Geschichten und Spielen auswählen, scheint uns Erwachsenen oft suspekt. Man sollte es deshalb auch einfach mal aushalten, wenn der Sohn sich für Trickfilme begeistert, denen man so gar nichts abgewinnen kann, solange das Angebot altersgerecht ist, wie Hipeli sagt. Es muss nicht immer alles pädagogischer Goldstandard sein. «Auch Kinder dürfen sich mal zweckfrei unterhalten.»


Als Ergänzung zu diesem Text haben wir für Sie Tipps und nützliche Links zum Thema „Medienkonsum“ zusammengetragen.


Dieser Beitrag stammt aus dem Dossier „Medienkonsum“ des Grosseltern-Magazins 11/2019

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