Weiser als Athene, stärker als Herkules, schneller als Hermes. Und ja: schöner als Aphrodite. Wonder Woman, die erste und berühmteste Superheldin, ist tatsächlich in jeder Hinsicht super. Sogar Batman und Superman müssen sich ganz schön Mühe geben, um mit ihr mitzuhalten. Aber egal, wer von diesen dreien die Nase vorn hat: Haben wir nicht alle schon einmal davon geträumt, wie sie zu sein? Gibt es nicht irgendeinen Weg, zu Superkräften zu gelangen? Es ist frustrierend und ernüchternd, aber wir müssen uns eingestehen: Die Antwort lautet «Nein». Auch wenn ich es mir noch so wünsche, auch wenn ich noch so viele philosophische Bücher wälze und meinen Körper mit Fitness­training und gesunder Ernährung stähle und mit Usain Bolt ins Trainingslager gehe: Nie und nimmer werde ich so weise, so stark oder so schnell wie Wonder Woman. Zum Glück haben Wonder Woman, Batman und Superman aber neben ihren
Superkräften noch etwas gemeinsam. Sie tun etwas. Sie sehen nicht tatenlos zu, wenn die Schwachen leiden und die Bösewichte die Oberhand gewinnen. Davon können wir uns eine Scheibe abschneiden. Es kommt nicht darauf an, ob wir wie Wonder Woman ein goldenes Lasso haben, das jeden zur Wahrheit zwingt, oder silberne Armbänder tragen, mit denen wir Kugeln abwehren können. Entscheidend ist, dass wir nicht klein beigeben. Auch bei fehlender Spezialausrüstung gilt, was Nietzsche uns zuruft: «Wirf den Helden in Deiner Seele nicht
weg!» Denn: Wahre Heldinnen stellen sich dem Kampf gegen die Ungerechtigkeit auch ganz ohne Superkräfte.

Urs Siegfried, Initiator und Leiter des Zürcher Philosophie Festivals, hat erst Geschichte und Betriebswirtschaft studiert, bevor er die Philosophie für sich entdeckte.
Fürs Grosseltern-Magazin beantwortet er jeden Monat eine philosophische Kinderfrage.

Bisher erschienene Antworten von Urs Siegfried auf philosophische Kinderfragen:
grosseltern-magazin.ch/category/frage/